🐧🐆 Dieses Ziehen
Halb zugefrorener See, Polaris
Die Nacht ist klar.
Vier Tage.
Seit genau hier alles gekippt ist.
Jackies Gedanken kreisen.
Klarheit ist nur noch eine Erinnerung.
Sie blickt etwas neidisch in den Sternenhimmel.
Polaris findet sie nicht.
Alles verschwimmt.
Neben ihr liegen Eisbonbonpapierchen.
Sie zählt nicht mehr.
Das Handy bleibt dunkel.
Sie macht einen Schritt aufs Eis.
Dann noch einen.
Es knackt.
Sie bleibt stehen.
Geht weiter.
Unter ihren Gummistiefeln löst sich eine Scholle.
Erst als das Ufer zurückweicht, bemerkt sie es.
Wasser ringsum.
Und für einen Moment fühlt es sich an wie Heimat.
„Schmerz lässt mich spüren“, sagt sie.
„Spüren ist Leben.“
Sie atmet aus.
„Frieden im Unfrieden.“
Diesmal beruhigt der Satz sie nicht.
Sie bewegt die Füße in ihren grünen Gummistiefeln.
Spürt den vertrauten Halt.
Normalerweise reicht das.
Heute nicht.
Das Handy leuchtet auf.
Sie greift sofort danach.
Der Leopard.
„Hey. Ich hoffe, dir geht’s gut.“
Sie blickt zum Wald.
Tippt.
Löscht.
Tippt.
„Was ist das hier für dich?“
Sie schickt es ab.
Die drei Punkte erscheinen.
Verschwinden.
Kommen wieder.
„Ich empfinde nicht so wie du.
Ich weiß nicht, wie ich mit der Situation umgehen soll.“
Sie liest die Nachricht noch einmal.
„Dann mach dein Kreuz doch einfach bei ‚nein‘.
Ich halte das aus. Aber ich brauch Klarheit.“
Sie flüstert die Worte beim Tippen.
Schickt sie ab.
Wartet.
Die Scholle dreht sich ein wenig.
Keine Antwort.
Dann hört sie etwas.
Aus Richtung des Waldes?
Oder in sich?
Seine Stimme.
„Doch ich kann dir nicht mehr geben
als ich hab.
Ich will dich nicht brauchen.
Ich will Freiheit in mir.“
Jackie setzt sich.
Etwas an seinen Worten kennt sie.
Zu gut.
Für einen Moment weiß sie nicht mehr,
wessen Sehnsucht da in ihr zieht.
Sie beginnt zu singen.
Leise zuerst.
Dann klarer.

Als der letzte Ton verklingt, hört sie Wasser gegen die Eiskante schlagen.
Seine Stimme ist nicht mehr da.
Sie schaut auf das Handy.
Legt es neben sich.
Ihre Flügelspitze bleibt kurz darüber hängen.
„Nicht jetzt.“
Sie zieht die Gummistiefel fest und gleitet langsam ins Wasser.
Ein kurzer Schock.
Angenehm.
Kalt.
Echt.
Ihr Körper reagiert sofort.
Atmung. Bewegung. Fokus.
Als sie wieder auftaucht, liegt das Ufer vor ihr.
Sie schwimmt darauf zu.
Am Rand zieht sie sich aufs Eis.
Geht die letzten Schritte in den Schnee.
Die ersten Lichtstreifen am Horizont.
Sie lässt sich rückwärts fallen.
Sie formt einen Schneeengel.
Für einen Moment —
Zugeneigt.
Dann kommen die Tränen.
Sie bleibt liegen.
Atmet. Das Ziehen ist noch da.
Etwas weniger eng.


