Frieden im Unfrieden
Polaris-App, 20.2.26
Liebe Michaela,
heute ist der 20.2.2012 und du hast gerade deine Krebsdiagnose erhalten.
Dir geht es entsprechend.
Und ich freue mich, dass du auf wundersame Weise meine Nachricht erhältst.
Ich bin Michaela aus 2026. Bei mir ist zufällig auch der 20. Februar.
Ich bin gerade dabei, eine kleine Geschichte zu entwickeln.
Die Menschen, die ich um Feedback gebeten habe, fanden die ersten Ansätze nicht so prickelnd.
Ich selbst mag die Geschichte aber sehr gerne. Und weil ich dich ja schon ganz gut kenne, kann ich mir gut vorstellen, dass du sie auch magst.
Und deshalb schenke ich sie dir.
Sie heißt „Jackie & der Leopard“. Und es geht unter anderem um die Fragen:
- Was, wenn Frieden das extremste Abenteuer ist?
- Was, wenn er nicht in der fernen Welt liegt, sondern in unseren Beziehungen – und in uns selbst?
- Und was passiert, wenn auffällt, dass das Blau von Jackies Eisbonbons dasselbe Blau ist wie in den Augen des Leoparden?
Du bist gerade recht aufgewühlt und vielleicht gar nicht so aufnahmefähig – jetzt, da du gerade deine Diagnose erhalten hast.
Aber eine Sache, um die es dir ja auch oft geht, ist das Thema Frieden.
Wie schaffst du es, in einer solchen Situation wie jetzt Frieden zu finden?
Mit dir, mit der Außenwelt, mit dem, was jetzt kommt.
Ich will dir nichts predigen. Ich will nur sagen, ich hab eine kleine Geschichte über den Frieden im Kopf.
Die werde ich in der nächsten Zeit verfassen.
Und du sollst zu den Ersten gehören, die sie lesen.
Ich wünsche mir, dass sie dir ein kleines bisschen hilft in der Zeit, die jetzt vor dir liegt.
Sie wird intensiv – und auch spannend.
Und ja – alles ist gut.
Auch das hier.
Daran wollte ich dich auch noch mal erinnern.
Jackie & der Leopard wird eine Serie über die Haltung im Unfrieden.
Bei jeder Folge wird mindestens ein Lied dabei sein.
Vertrau mir und lass dich darauf ein.
Ein Lied hab ich dir vor einer ganzen Weile geschrieben – es ist so schnulzig geworden, dass ich es so gut wie nie höre.
Aber ich weiß, im jetzigen Moment wird es dich sehr berühren.
Und ich weiß auch schon, dass du aus dem Motto und aus der Emotion heraus etwas damit machen wirst.
Etwas Wunderbares, das dich durch die Zeit trägt, die vor dir liegt.

Ja, es ist kitschig. Und genau deshalb heute richtig.
Wenn du in der nächsten Zeit magst und aufnahmebereit bist, schau doch gerne bei „Jackie & der Leopard“ vorbei und lass die Szenen und Lieder nach und nach auf dich wirken.
Mach’s gut, liebe Michaela.
Polaris-App, 20.2.12
Liebe Michaela aus 2026,
gerade bin ich aus der Klinik gekommen.
Der Satz „Sie haben Brustkrebs.“ hallt noch ohrenbetäubend nach.
4 cm großes Ei in der rechten Brust.
Unfassbar. Und gleichzeitig deutlich anfassbar.
Ich war gerade noch im Büro und hab aufgeräumt.
Jetzt sitz ich hier und warte auf meinen lieben Björn.
Aber wenn ich das richtig verstanden habe, kennst du meine, also unsere Geschichte ja schon.
Wobei… dass ich deine Nachricht gelesen habe und dir jetzt antworte, öffnet ja gewissermaßen zwangsläufig eine andere Realität, als die, die du erlebt hast.
Jetzt ist mir doppelt schwindelig.
Und überhaupt – seit wann hab ich eine App namens Polaris auf meinem Handy?
Egal, wenn sie mir Richtung weist, nehm ich sie.
Auch, da ich mich durch die Diagnose gerade fühle, als wäre ich aus der Realität gekippt, ist es praktisch, einen realitätenverbindenen Kanal zur Verfügung zu haben.
Es ist ganz schön schräg – und trotzdem gut, von dir zu hören.
Nochmal für mich zur Einordnung:
Du bist nicht ich.
Und ich bin nicht mehr Du.
Denn ich bin schon nicht mehr, was du zu diesem Zeitpunkt in 2012 warst.
Gerne gehöre ich zu den ersten Lesern deiner Friedensgeschichte.
So wie’s ausschaut, werde ich erstmal nicht arbeiten können.
12-18 Monate, hat der Arzt gesagt, brauche ich für Chemo, OP, Bestrahlung und Reha.
12–18 Monate nicht arbeiten?
Das bin doch nicht ich.
*
Erstaunlich! Deine Nachricht und vor allem dein Lied – das mich übrigens zu etlichen Tränen gerührt hat – haben mich irgendwie ruhig werden lassen.
Einen ersten Hauch von Frieden im Unfrieden kann ich schon spüren.
Danke dafür, meine liebe Michaela!
Extremes Abenteuer – ja, so kann man es auch bezeichnen.
Mit extrem kann ich mich ja zum Glück gut identifizieren.
Vor der Begegnung mit Björn später hab ich Angst. Die Nachricht wird ihn umhauen.
Ich versuche mal, weiter zu atmen. Vielleicht noch ein paar Tränchen zu lassen.
Schreib mir wieder, liebe … darf ich „Freundin“ sagen?
Ach, ich bin einfach nur verblüfft – von allem. Vielleicht träum ich das alles auch gerade nur und der ganze Tag ist nicht passiert. Wäre das schön? Keine Ahnung…
Liebe Grüße,
Michaela 2012
*
Sie drückt den Senden-Button und schläft erschöpft ein.
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Michaela aus 2026 legt das Handy nach dem Lesen zur Seite, bereitet noch ihren Workshop für den Folgetag vor und geht – leicht aufgewühlt – ins Bett.


