Aushaltenkönnen
Polaris-App, 20.2.26 | ID *44012357 an ID *30000169
Liebe Michaela,
bei mir ist immer noch heute – also der 20.2.26. Ich hab mal in meiner Polaris-App einen neuen Chat geöffnet – und zwar zu dir, liebe Michaela, am 31.12.2012. Erinnerst du dich noch an meine Kontaktaufnahme an deinem Diagnosetag im Februar?
Meine App zeigt für mich ID *44012357 an und für dich ID *30000169.
Ich musste kurz schmunzeln.
Ein Teil von mir dachte tatsächlich, ich müsste ID 1 sein.
Da ich ja die erste bin, die Kontakt aufgenommen hat.
Dieser mein Größenwahn mal wieder.
Unter „Einstellungen“ steht:
„Polaris ist eine der meistgenutzten realitätenverbindenden Apps.“
Ich nutze offenbar Version 1.0.
Ich starre auf die Anzeige,
als stünde dort, wie viel ich noch nicht kann.
Also gut.
Keine ID 1.
Sondern eins von unendlich vielen Fädchen in einem wunderschönen Netz.
Unsichtbar. Verbindend.
Ein Netz der multipolaren Gleichzeitigkeit.
Zahlen können in die Irre führen.
Und trotzdem geben sie uns Identität.
Also, liebe Michaela ID *30000169, die ich dich im Februar 2012 erreicht habe!
Als ich meine zweite Folge von „Jackie & der Leopard“ geschrieben habe, hab ich gemerkt, dass du tatsächlich einen Weg gefunden hast, direkt mit dem Leoparden zu kommunizieren.
Ich muss unbedingt auch ein Update auf Polaris V.2.0 machen, um auch mit Nicht-Michaelas in Kontakt treten zu können.
Wobei… Eile besteht da ja mal wirklich nicht.
Ich könnte vielleicht einen Faden verlieren.
Aber der Faden geht nicht verloren.
*
„Frieden ist Aushaltenkönnen.“ Dein Satz hat gesessen.
Beim Leoparden.
Und bei Jackie, die bestimmt gerade überlegt, ob sie das nächste Eisbonbon in den Schnabel steckt –
oder noch einen Moment wartet.
Ach ja, was hast du nicht alles in 2012 ausgehalten.
Heute machst du deinen Rückblick.
In nur 10 Monaten hast du das Krebsthema optimistisch durchgezogen – also wenn dich meine Kontaktaufnahme nicht völlig anders geleitet hat.
Und im Januar willst du wieder arbeiten gehen.
Das Jahr war voller Situationen, in denen du dein Aushaltenkönnen üben konntest.
Nicht nur die eigene Krebstherapie – auch die Situation an Ostern, als die Mama im Krankenhaus war mit ihrer Hirnhautentzündung und die Ärztin gemeint hat, sie hätte eine 50-50-Chance die Nacht zu überleben und dass du aber nicht zu ihr dürftest, weil du ja gerade Krebs hast.
Oder der Papa.
In meiner – unserer – OP-Woche bekommt er selbst eine Darmkrebsdiagnose.
Dienstag seine OP.
Freitag meine.
Auf wundersame Weise ist alles gut gegangen.
Gut, dass wir in unserer Familie so unbesorgt unterwegs sind.
„Mehr als nötig leidet, wer leidet, bevor es nötig ist.“
Dieses Seneca-Zitat gefällt mir besonders gut.
So, jetzt mach ja ich irgendwie den 2012-Rückblick. Erzähl mir doch mal, wie es dir ergangen ist und was dich gerade so bewegt, liebe Michaela!
PS: Natürlich, kannst du mich gerne „Freundin“ nennen.
PPS: 2013 hältst du auch aus.
Und ich halte es aus, dir nicht alles zu sagen.
Polaris-App, 31.12.12 | ID *30000169 an ID *44012357
Liebe Freundin,
da ist ja unser Chat wieder!
Und die Polaris-App ist auch wieder sichtbar.
Jetzt erinnere ich mich wieder!
Ich kann sehen, was wir im Februar geschrieben hatten.
Warum hast du dich denn gar nicht mehr zwischendurch gemeldet?
Ich hatte das alles wohl durch Schock und Schlaf vergessen. Wobei… nicht ganz.
Denn an einem Tag im März hatte ich plötzlich unter der Dusche die Idee mit dem Glückspilzchen-Projekt und dem „Du bist nicht allein! Du schaffst das!“-Motto.
Danke für das schnulzige Lied!
Das Projekt hat mir richtig Kraft gegeben.
Mit Texten und Fotobasteleien hab ich das Erlebte und meine Sorgen (ja, die hatte ich gelegentlich) bearbeitet.
Auf meiner Facebook-Seite hab ich ca. 800 Fans und bekomme immer mal wieder liebe Nachrichten.
Dann bin ich noch in zwei pinken Selbsthilfegruppen auf Facebook, das hat total geholfen!
Dadurch hab ich einige echt liebe Busenfreundinnen gewonnen, die ich auch in echt getroffen habe.
Und der Brustkrebslauf in Köln hat mir so richtig viel Energie gegeben.
Ach ja, und ich bin auch stolz auf meine Spendenaktion für die Deutsche Krebshilfe.
Da ist ordentlich was zusammengekommen.
Zufälligerweise hat mein Arbeitgeber Lidl die Weihnachtsspendenaktion dieses Jahr ebenfalls der Deutschen Krebshilfe gewidmet – 400.000 Euro waren da geplant.
Da ich ja etwas zu Größenwahn neige – das ist wohl das Leopardische in mir – bilde ich mir ein, dass das ein bisschen auch wegen mir war.
*
Es war ein abenteuerliches Jahr. Und ich würde es wieder so nehmen.
Und ja, ich bin stolz auf alles, was ich so ausgehalten und geschafft habe.
Und auch darauf, dass es sich oft gar nicht wie „aushalten“ angefühlt hat.
Eher wie lebendig.
Ich bin so unheimlich dankbar für die Menschen, die mich begleitet haben.
Vor allem für meinen lieben Björn, der alles tapfer mit durchgestanden hat und mir so eine großartige Unterstützung war.
*
Ein großes Geschenk war für mich, dass mir das Buch „Wieder gesund werden“ von Carl Simonton über Visualisierungsmeditationen zugeflogen kam. Es war ein Buchtipp in der Brustkrebszeitschrift MammaMia, die in der pinken Krebsbegrüßungstasche aus dem Brustzentrum zusammen mit ganz viel Infomaterialien schlummerte.
Die Krebszellen wegvisualisieren und damit die Selbstheilungskräfte stärken – das klang super für mich, hab ich mir direkt bestellt und in der ersten 4-stündigen Chemo-Sitzung angefangen zu lesen. Und seitdem hab ich mehrmals am Tag die 30-minütige angeleitete Visualisierungsmeditation durchgeführt. Erst Entspannung, dann den Krebs visualisierenderweise schrumpfen lassen.
Ich hab mir vorgestellt, wie Chemo und Immunsystem zusammenarbeiten.
Als Herr-der-Ringe-Fan war ich Frodo.
Die Krebszellen waren Orks.
Und irgendwo sprachen Gandalf und Elrond über mich.
*
Was war sonst noch so? Sicherheitshalber hatte ich meine Beerdigung durchgeplant.
Und ich hab ganz schön viel nachgedacht, Biographiearbeit gemacht und mein Leben gedanklich neu strukturiert.
In den vergangenen Jahren hab ich deutlich zu viel gearbeitet.
70–80 Stunden pro Woche.
Kurz nach der Diagnose musste ich mich erstmal neu aufstellen.
Dafür hab ich mir Folgendes ausgedacht:
Meine 4+1 Säulen der Heilung:
body, home, soul, work + timeIch habe jede Säule geprüft:
Wie ist es?
Wie will ich es?
Was ändere ich?
Die Struktur zieht sich inzwischen durch mein ganzes Leben.
Notebook. Ordner. Apps.
Vierbuchstabige Worte.
Balance durch „time“.
Bei meiner Rückkehr in die Arbeitswelt nächsten Monat möchte ich alles daransetzen, diese Balance zwischen den Lebensbereichen aufrechtzuerhalten.
Ich möchte nicht wieder in alte Workaholic-Verhaltensmuster verfallen.
Ich möchte es aushalten,
nicht alles an mich zu ziehen,
nicht alles zu retten,
nicht alles fertig zu machen.
Frieden ist Aushaltenkönnen.
Auch von Lücken.
Gleichzeitig möchte ich zeigen, dass mich der Krebs nicht schwach gemacht hat.
Ich will zeigen, dass ich den Krebs besiegt hab.
Wieder richtig stark im Arbeitsleben sein.
Wirksam.
*
Wenn ich das alles so betrachte, kann ich gut sagen:
Die Brustkrebsdiagnose war in meinem Fall ein echter Glücksfall.
Zu „Jackie & der Leopard“: das hab ich tatsächlich auch komplett gelesen – eine wirklich berührende, liebevolle und proofe Geschichte über die Haltung im Unfrieden.
Ob du sie überhaupt schon fertig geschrieben hast, wenn du das liest?
Ich weiß gar nicht mehr genau, wie ich auf sie gekommen bin… ich glaube, das war ein Link auf Facebook von irgendjemandem. Hast du damit was zu tun oder eine andere Version von uns?
Von mir kam die Nachricht an den Leoparden jedenfalls nicht.
Ach, ist das spannend.
Da kann einem echt schwindelig werden.
Gut, dass ich nicht alles wissen muss, auch wenn mich die Frage nach dem „Woher?“ ja schon immer mal wieder umtreibt.
Was meinst du mit „2013 hältst du auch aus.“?
Wolltest du mich vor irgendwas warnen und hast es dir dann doch anders überlegt?
Ach, wer weiß, inwieweit ich auf Warnungen überhaupt eingehen würde.
Es wird schon alles für was gut sein.
Mal sehen, ob ich mich an diesen Austausch nun erinnere oder ob sich die Polaris-App wieder verflüchtigt. Ich versuch zur Sicherheit nicht zu schnell einzuschlafen.
Jetzt feier ich erstmal Silvester und den Abschluss eines krassen Jahres.
Mach’s gut, liebe Freundin!
Dein Glückspilzchen Michaela aus 2012





