Staffel 1 | Folge 8

Flucht und Neubeginn

Polaris-App, 8.9.15 | ID *30000169 an ID *44012357

Hi liebe Freundin!

Meine App ist gerade aufgeploppt und da dachte ich, ich melde mich mal kurz.
Wie schaut’s aus in 2026?
Bei mir ist heute der 8.9.15.
Ich schreib dir mal rüber in den 27.2.26.

Ich komm gerade zurück von meinem ersten Sprachkurs für sieben junge Flüchtlinge aus Eritrea und bin total geflasht.

Es fühlt sich einfach soooo richtig an.

Zwei sprechen ein bisschen Englisch.
Die anderen kein Wort Englisch, kein Wort Deutsch.

So haben wir uns heute erstmal angefreundet.
Und „Hallo“ und einen ordentlich festen Händedruck geübt.

Bisher war 2015 ein nahezu langweiliges Jahr. Also im Sinne von dramafrei.
Und ein wenig Drama mag ich ja doch irgendwie.

Gut, nicht so viel wie in den Jahren zuvor.
2012: Krebstherapie
2013: Psychiatrieaufenthalt, Jobverlust & erneute Identitätsfindung
2014: Psychiatrieaufenthalt in Ecuador nach abgebrochener Galapagos-Hochzeitsreise

Das waren wirklich krasse Ereignisse.

Gut, dass ich sie dir nicht detailliert beschreiben brauche.

Deine Geschichte „Jackie & der Leopard“ hat mir dabei echt gut geholfen.
Frieden im Unfrieden zu spüren, ist mir nicht immer, aber doch sehr oft gelungen.

Insbesondere das Lied „Alles ist gut“ vom Leoparden.

Und „Im Käfig gelassen“ und „Gelassen im Käfig“ – die sind echt mega-stark.
Wenn’s richtig krass wurde, habe ich in Anlehnung daran immer „Probier’s mal mit Gemütlichkeit“ aus dem Dschungelbuch gesungen.

Ach, Moment mal.

Vielleicht kennst du die beiden Käfig-Lieder ja noch gar nicht.

Die kommen ja erst am Ende von „Jackie und der Leopard“.
Vielleicht hast du sie ja noch gar nicht komponiert?!  

Eine Frage bewegt mich heute besonders:
Warum ist Jackie eigentlich vom Südpol weg?

Liebe Grüße
Deine Freundin Michaela – mittlerweile aus 2015

Polaris-App, 27.2.26 | ID *44012357 an ID *30000169

Hallo liebe Michaela,

bitte lies diese Nachricht nur, wenn du auch in guter Verfassung bist und Zeit für dich hast.
Sie ist etwas länger und intensiver geworden.

*

Es freut mich sehr zu hören, dass du die beiden Käfig-Lieder so hilfreich findest.
Sie sind noch nicht veröffentlicht, aber produziert hab ich sie schon.
 
*

Ich glaube übrigens nicht, dass die Polaris-App heute zufällig bei dir aufgeploppt ist – heute, da du die Jungs kennengelernt hast!

Ja, die Zeit mit den Jungs war einfach wunderschön!

Das hat mir so viel gegeben und ihnen auch.

Du hast noch eine tolle Zeit mit ihnen vor dir! Integration dauert schon ein paar Jahre.
Selbst heute freuen wir uns total, wenn wir uns mal in Wuppertal über den Weg laufen.

Erst vor kurzem hab ich ihnen ein Lied geschrieben.
Ich denke, das kannst du dir mal ganz unverfänglich anhören:

Yekenyeley

mirico | November 2025 | Songtext

Zu deiner anderen Frage – warum Jackie vom Südpol weg ist …
Ja, das ist eine traurige und zugleich mutig-entschlossene Pinguin-Geschichte.

Es ist eine Geschichte und gleichzeitig doch nicht nur eine Geschichte.

Ich schreib einfach mal, was in Jackies Realität geschah:

*

Südpol – Entscheidung

Jackie wusste schon lange, dass der Südpol kein Ort für Träume ist, sondern ein Über-Lebensraum – für Kaiser-Pinguine und all das, wovon sie abhängig sind.

Das Eis unter ihren Füßen wurde dünner. Nicht nur im Gefühl.
Sie spürte die Gefahr. Unverschämt deutlich.  

Dann kam der Moment, als Jackie die Gummistiefel überstreifte, den Rucksack mit Eisbonbons füllte und loszog.
Per Anhalter.

Die Bonbons hatte ihr Siku zum Abschied geschenkt.
Ihre beste Freundin.
Eisbonbonblau – die Farbe ihrer Heimat.

Freunde und Familie ließ sie schweren Herzens zurück.
Tief in sich spürte sie, dass die Entscheidung für sie stimmig war.
Von „richtig“ hat sie noch nie viel gehalten.

Später las sie:
2022 war das Eis rekordtief.
Kolonien verloren ihre Brut.
Sichtbar aus dem All.

Jackie atmete schwer.

Frieden ist … Aushaltenkönnen.

Gleichzeitig ist Frieden … zu handeln, wenn ich etwas nicht mehr aushalten will.
Und zwar ohne schlechtes Gewissen.

Eine echte Entscheidung für mich.

So haben meine Jungs aus Eritrea ihre Familien verlassen.
So hat Jackie in einer anderen Realität ihre Liebsten zurückgelassen.

Und 2016 begreifen du und ich, dass selbst friedliche Orte nicht immer Heimat bleiben.
Manchmal ist Unfrieden nichts anderes, als Frieden nicht aushalten zu können.

Ich erzähl dir lieber noch, wie es mit Jackie weiterging:

*

Afrika – Hitze ohne Zuhause

Sie war in etlichen Ländern unterwegs.
Nahezu überall:

Unruhe. Zu viele Augen. Zu wenig Schlaf.

Schnee? Nichts zu spüren.
Nur diese extreme Hitze.

Nein, Afrika fühlte sich nicht nach Ankommen an.

In Europa sei vieles besser, wurde ihr zugerufen.
Und so schloss sie sich ab Nigeria einer offenbar üblichen Flüchtlingsroute an.

Sie hatte kein Geld, doch sie traf einen lustigen hilfsbereiten Kerl.
Er tanzte oft und gut.
Sein Name bedeutet „Gott führt mich“.

Irgendetwas an ihm wirkte vertrauenswürdig.

*

Sahara – Nicht fallen

Gemeinsam nahmen sie die Route über Niger, durch die Sahara nach Libyen.

Zwei Wochen auf einem kleinen offenen Transporter durch den Sand.

Immer wach bleiben.
Gut festhalten.

Nicht nur einer fiel.
Keiner hielt an.

Wer fällt, versandet.

Sie hielt ihre Augen weit auf und klammerte sich fest.
„Gott führt mich“ tat es ihr gleich.

Dabei hatte er immer ein Auge auf Jackie.
Und wenn nötig hielt er auch sie sicher im Wagen.

Nachts lagen sie im Sand unter dem sternenüberströmten Himmel.

Totmüde taten sie kein Auge zu.

Denn das Fahrzeug würde am nächsten Morgen nicht auf sie warten.
Sie wollte nicht versanden.
Sie ist ein Schneewesen.
Nein, sie ist ein Lebewesen.

*

Libyen – Acht Monate Nacht

In Libyen angekommen trafen sie einige junge Männer aus Eritrea.
Gerade erst erwachsen geworden.

Einer darunter sprach gutes Englisch.
Er warnte sie, sich nicht fangen zu lassen.
Die sogenannten Flüchtlingscamps seien keine Camps, es seien Gefangenlager.

Er sagte es seltsam ruhig, fast wie auswendig gelernt:

„Was in den Lagern geschah, lässt Körper frieren, obwohl es heiß ist.
Und manches kann man nicht erzählen, ohne sich selbst zu verlieren.“

Er sprach von Schüssen. Von Schlägen.

Und davon, dass Frauen dort nicht sicher waren.
Und Männer ihre Frauen, Schwestern und Töchter nicht schützen konnten.
Mehr sagte er nicht.

Sie alle zitterten am ganzen Körper, während er sprach.

„Wir haben es rausgeschafft. Unsere Familien haben viel Geld bezahlt, damit wir freigelassen wurden und nun sind wir gerade auf dem Weg zum Boot.“

Tja, das kostet.

Und „Gott führt mich“ hat bereits sein ganzes Geld für sich und Jackie für die Sahara-Durchquerung und Jackies Eisbonbons ausgegeben.

So blieben sie acht Monate in Libyen.

Nachts hörten sie Schüsse und Bomben.
Jeder dachte an seine Familie.
Er betete.

Frieden ist … Aushaltenkönnen.

Sie erinnerten sich gegenseitig:
Es war meine eigene Wahl.
Ich hab mich für das Leben entschieden.

Tagsüber arbeiteten sie in einer Autowaschanlage in Tripolis.
Bis sie schließlich das Geld zusammenhatten und der große Tag gekommen war.

In der Nacht vor dem Aufbruch erklang ein Lied aus dem staubigen Radio.
„God dey guide me o!“, sang jemand mit erstaunlicher Zuversicht.

Er tanzte nicht.
Er betete. Jackie rückte ein Stück näher.

*

Meer – Zwei Boote

Auf zum Meer. Zwei Boote waren geplant.

Das erste sank noch in Sichtweite im Meer.
Sie sahen zu, wie unzählige Menschen ertranken.

Das zweite Boot – ihr Boot – wurde gefüllt.
Wer zögerte, wurde zum Beispiel gemacht.
Niemand sollte erzählen, was hier passiert.
Der Kompass: kaputt oder falsch verstanden.

Vier Tage und Nächte Meer.

Schon am ersten Tag ging das Wasser aus.
Tränen auf dem Gesicht brennen unter der Mittelmeersonne.

*

Rettung – Stahl am Horizont

Am vierten Tag war die Luft raus.
Wasser trat ein.

Sie waren alle ausgemergelt, erschöpft und gleichzeitig voller Todesangst.
Schwimmen konnte keiner.
Und selbst wenn.

Als er aufstand, dachten die meisten: Der ist im Delirium.

„Ich sterbe heute nicht“, rief er.

Das Boot begann zu wackeln, als er seine Arme in die Luft warf und lautstark zu beten begann.
„Mein Name bedeutet: Gott führt mich. Also wird er das jetzt tun. Seid ruhig. Ich bete für uns.“

Jackie kam aus dem Staunen kaum heraus.
Sie dachte: „Was für ein verrückter Optimist. Mit ihm kann ich nicht untergehen.“

Es dauerte nicht lange, und ein asiatisches Frachtschiff rettete sie.
Gerade noch rechtzeitig.

Niemand ertrank. Nicht an diesem Tag.

„Gott führt mich“ blieb noch zwei Jahre in Italien, bevor er den Weg nach Deutschland auf sich nahm. Jackie hingegen reiste per Anhalter auf Umwegen weiter.

*

Nähe Potsdam – Eisbonbon-Moment

Bei Potsdam sind ihr die Eisbonbons ausgegangen.
Mit einem Schild „Free Ice, please!“ stellte sie sich an den Straßenrand.

Und da geschah es.

Zwei etwas verstrahlte Typen – ein Hippie und ein bärtiger Typ in blauem Hoodie – hielten mit ihrem Retro-Kleinbus. Der Hoodie-Typ – Gabriel – reichte ihr unaufgefordert eine Tüte Eisbonbons, die Jackie nahm, als wäre sie ihr letztes bisschen Luft.

Sie stieg ein.

Und spürte …

Frieden.

Dann begannen die beiden von ihrer Mission zu erzählen:
Sie waren unterwegs in die Ukraine, um Panzerglas zu bergen, um daraus Displayschutzfolien für Handys zu produzieren. „RE:ARMOR Born in War. Made for Life.“ sei ihr Motto.

„Wir sind Friedenssupporter auf provokativ-sarkastische Art und Weise“, schob Steffen, der Hippie-Typ noch hinterher.

Es klang wie ein Slogan.
Und gleichzeitig wie ein ernst gemeinter Versuch, etwas Kaputtes zu heilen.

„Merkwürdige Typen“, schmunzelte Jackie.

„Frieden ist meine Mission. Frieden ist meine Superkraft.“, erklärte sie stolz.
Und ab diesem Moment war sie im Team. 

Eines ihrer Abenteuer mit Steffen und Gabriel besingt folgendes Lied:

Bu**i-Proof – Der Soundtrack zum Roadtrip

mirico x schnabriel | November 2025 | Songtext

Das ist Jackies Geschichte.
Extra für dich und mich.

Aus RE:ARMOR und Bu**i-Proof ist ein intensives, kurzes Kreativprojekt gemeinsam mit meinen Freunden Steffen & Gabriel geworden.

Steffen kennst du ja schon ewig.
Gabriel wirst du auch sehr mögen.

Es wird dir bestimmt gefallen, sofern es in deiner Realität auch noch so läuft.
Jetzt wo ich dir schon so viel von Jackie erzählt habe, kannst du ja auch einfach ein Projekt starten, in dem alles, nur kein Pinguin, vorkommt.

Gabriel wird bestimmt eine Alternative finden.

*

So.
Das war jetzt ganz schön viel.

Ich weiß, dass du das alles aushalten kannst.
Und dass du den Unterschied kennst:

Du kannst mitfühlen, ohne mitzugehen.

Du musst nicht mitleiden, um da zu sein.

Ich wünsch dir für 2016 alles, alles Gute!
Folge deinem Herzen!
Und triff deine Entscheidungen ohne schlechtes Gewissen.

Mit jedem Schritt wählst du eine Realität.
Etliche andere existieren gleichzeitig.
Nichts geht verloren.
Entscheide dich für das, was du fühlen willst.

Proofe Grüße
Michaela aus 2026

Polaris-App, 8.9.15 | ID *30000169 an ID *44012357

Wow, Michaela.

Die Fluchtgeschichte ist einfach krass.

Ich hab nicht geahnt, dass mir dieser Tag eine Geschichte öffnen würde, die größer ist als alles, was ich bisher ausgehalten habe.

Und dass du sie mir jetzt erzählst, zeigt mir, was die Jungs durchgemacht haben. Wie ich dich kenne, steckt da ja sehr viel Wahrheit drin.

Nein, die Polaris-App ist vermutlich nicht zufällig heute aufgeploppt.

Ich werde alles geben, damit sie hier in Deutschland wieder richtig auf die Beine kommen.

Warum erzählt Jackie die Geschichte nicht auch dem Leoparden in „Jackie & der Leopard“?
Warum erzählst du sie mir?

Polaris-App, 27.2.26 | ID *44012357 an ID *30000169

Ja, sehr viel Wahrheit.
Du wirst den Menschen dahinter erst noch kennenlernen.

Ich hab das bewusst nicht in „Jackie & der Leopard“ gepackt, sondern erzähle es lieber selbst.

Jackie erzählt es nicht gern.
Es tut weh.

Und sie schützt den Leoparden davor.

Sie weiß, wie sehr er fühlen würde.

Nicht alles muss geteilt werden, damit es wahr ist.

Manche Wahrheiten brauchen ein eigenes Fach.

*

Ein Lied hab ich noch für dich.

Jackie hat auf ihrer Reise sehr viel Leid gesehen und sie hat viele Menschen getröstet.
Anfangs fiel es ihr noch schwer – sie hat sehr oft Mitleid empfunden.

Nach und nach ist es ihr gelungen, eine Haltung von Mitgefühl zu entwickeln.

Nur für alle Fälle:

Mitgefühl

mirico | Februar 2026 | Songtext

Bis demnächst
Deine Freundin Michaela aus 2026

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