🐧🐆 Merkwürdig
Maschinenraum am Merkwürdigungsort, Polaris
Polaris hat neuerdings schon immer einen Merkwürdigungsort.
Und zwar im Keller der Bibliothek.
Jackie & der Leopard wollen ihn heute zum ersten Mal besuchen.
Auf dem Weg dorthin wird der Leopard langsamer.
„Jackie…“
Eine kleine Pause.
„Ich… ich hab da was erlebt.“
Er schaut kurz zur Seite.
Dann wieder zu ihr.
„Also… schon öfter.“
Eine weitere Pause.
„Ist… echt merkwürdig.“
Jackie läuft weiter.
Eisbonbon. Knacken. Schritte.
„Ja“, sagt sie ruhig.
„Bist du.“
Ein Hauch von einem Lächeln.
„Und?“
Der Leopard atmet ein.
Kurz.
Zu kurz.
„Das Lied heißt Feedback ist mein Futter.“
Eine kleine Pause.
„Ist irgendwie… ein Dilemma.“
Er schaut sie an.
Offen.
„Ich möchte, dass du das von mir weißt.“
Jackie nickt leicht.
„Lass hören.“
Der Leopard beginnt zu singen.
Erst vorsichtig.
Doch der Inhalt sitzt.
Es wird lauter… schneller.
Jackie verlangsamt ihren Schritt.
Ein glatter Stein am Wegrand.
Als hätte er schon immer dort gelegen.
Sie setzt sich.
Er ist warm.
Sie spürt nach.
Der Leopard singt weiter.
Läuft vor ihr auf und ab.
Zieht Bahnen im Gras.
Die Worte kippen.
Werden dichter.
Jackie schluckt das Eisbonbon in ihrem Schnabel versehentlich runter.
Sie greift nach einem neuen.
Dreht es langsam.
Sie hört zu.
Wirklich.
Der Leopard läuft noch ein paar Schritte weiter.
Dann bleibt er stehen.
Jackie sitzt noch immer.
Das neue Bonbon zwischen den Flügelspitzen.
Sie hält es.
Eine kleine Pause.
„Danke.“
Dann steht sie auf.
Streicht kurz über den warmen Stein.
Sie tritt einen Schritt auf ihn zu.
Und umarmt ihn.
Der Leopard bewegt sich erst nicht.
Dann legt er langsam den Kopf an ihre Schulter.
„Komm.“
Sie geht weiter.
Der Leopard bleibt einen Moment stehen.
Dann folgt er ihr.
Einige Schritte später bleibt Jackie stehen.
„Hier.“
Vor ihnen: eine Tür.
Die Kellertür der Bibliothek.
Unscheinbar.
Fast so, als wäre sie schon immer da gewesen.
Sie stehen alleine – also zu zweit – im Maschinenraum.
Das sagt zumindest das Schild an der Tür.
„Würdigungsmaschine“ spezifiziert ein weiteres Schild in der Mitte des Raumes.
Eine Maschine sehen die beiden allerdings nicht.
Was sie jedoch sehen, sind etliche Wände mit noch etlicheren feinst verschnörkelten Bilderrahmen in unterschiedlichen Größen und Formen.
„Der hier ist gar nicht verschnörkelt“, stellt Jackie beiläufig fest.
In den mehr oder weniger verschnörkelten Bilderrahmen befindet sich jeweils ein kleiner Zettel mit Notizen über offenbar merk-würdige Momente und Gedanken.
In manchen Bilderrahmen liegen Gegenstände, die scheinbar im Zusammenhang mit der Notiz stehen und vermutlich das Merken fördern.
Man weiß nichts Genaues.
In einem Bilderrahmen liegt tatsächlich vor dem kleinen Zettel ein Bücherregal mit unzähligen Büchern. „Merkwürdig,“ sagt Jackie mit Blick auf das riesige Bücherregal in dem kleinen Bilderrahmen.
Der Leopard linst derweil neugierig auf die Notiz.
Er liest laut vor:
„Alles ist bereits gleichzeitig.
Es ist, wie wenn man einen Schrank voller Bücher hat und eins rauszieht.
Darin zu lesen verändert nicht das Buch, aber es verändert mich – und auch meine Wahl des nächsten Buches.
Was ich genau lese, wie ich mich verändere und welches Buch ich wähle, steht wiederum bereits in unzähligen anderen Büchern.“
„Wenn alles gleichzeitig existiert – war ich vielleicht nie außergewöhnlich?
Ist mein Reisen nur Lesen?“ flüstert der Leopard nachdenklich.
Eisbonbonschmatzend wippt Jackie in ihren Gummistiefeln hin und her.
Es quietscht.
Sie hört auf zu wippen.
Das Quietschen verstummt.
„Du liest vielleicht“, sagt sie langsam,
„aber nicht jeder traut sich, das Buch wirklich aufzuschlagen.“
Eine kleine Pause.
„Außergewöhnlich ist nicht, dass es viele Bücher gibt.
Außergewöhnlich ist, dass du wissen willst, was drinsteht.“
Der Leopard schaut sie an.
Ein bisschen zu lange.
„Und wenn ich irgendwann genug gelesen habe?“
Jackie zuckt mit den Schultern.
„Dann bleibst du vielleicht einfach bei einem.“
Eine Pause.
„Du bist in der Tat ein merkwürdiges Wesen, liebe Jackie!
Ich mag deine Merkwürdigkeit“, schnurrt der Leopard.
„Also, ich mag es generell, wenn es merkwürdig ist“, fügt er noch schnell hinzu.
„Magst du es auch, wenn es merkwürdig ist, liebe Jackie?“
„Klar“, sagt sie.
Er fängt langsam an zu singen.
Jackie freut sich. Sie legt sich in eine entspannte Lauschposition.
Und schon bald stimmt sie mit ein.

Hoppla, plötzlich taucht ein neuer Bilderrahmen auf. Ein kleiner eisbonbonblauer Zettel materialisiert sich langsam vor ihren Augen und in weißer Schrift steht dort:
„Ich merk dich.
Also… ich mein…
Dich merk ich mir.“
Der Leopard liest leise mit.
Jackies Bauch beginnt zu summen.
„Frieden ist …“, sagt sie.
„… gemerkt zu werden.“
„Oh ja“, nickt der Leopard.
Hinter ihnen beginnt ein weiterer Bilderrahmen sich zu füllen.
Keiner von beiden dreht sich um.
Doch irgendetwas zwischen ihnen hat sich verschoben.
Leise.
Und bleibt.


