Staffel 2 | Folge 3

Entscheidung

Polaris-App, 1.10.2018

Eingehender Videoanruf: Der Leopard
ID *99999131 an ID *30000169

Michaela starrt auf das Display.
Einen Moment zu lange.

Ihr Herz schlägt schneller.
„Das ist nicht möglich.“

Sie schluckt.
Und nimmt an.

Das Bild flackert.
Körnig.

Der Leopard.
Nah.
Seine Augen ruhig.

Michaela blinzelt.
Fast ein Lächeln.

„Du kannst mich sehen?“

Der Leopard nickt leicht.
„Ja, schön, dich so zu treffen“, sagt er.
Mit einer Selbstverständlichkeit.

Ein kurzer Moment, der hängen bleibt.

„…okay“, sagt Michaela leise.
„Jetzt dreh ich wohl wieder durch.“

Der Leopard lächelt.
„Keine Sorge.

Beim ersten Video-Anruf passiert das öfter.“

„Warum jetzt?“, fragt sie.

„Erstens: Weil’s jetzt geht. Du hast mittlerweile Version 4.0.
Zweitens: Weil du morgen deine Scheidung hast.
Und du haderst.“

Sie schaut ihn direkt an.

„Natürlich hadere ich.“

Sie spricht etwas schneller:

„Elf Jahre.
Eine Traumhochzeit.
Mein Björn – er hat mich durch alles getragen.

Und ich geh.“

Ihre Stimme kippt leicht.

„2016 hab ich mich verliebt.
In einen anderen Mann.“

Der Leopard nickt nur.
Er kennt die Geschichte.

„Meine Familie versteht es nicht.
Meine Schwestern reden nicht mehr mit mir.“

Kurzes Zögern.

„Ein ungebildeter Flüchtling aus Nigeria.
Chinedu.

Das überdehnt ihre Welt.“

Ein schiefer Atemzug.

„Und die neue Beziehung ist zudem noch total anstrengend.

Also ja.
Ich hinterfrag das.

Was wäre, wenn…
Hätte ich doch…“

Der Leopard schaut sie ruhig an.

„Das Übliche.
Weißt du, was das Gemeine an Entscheidungen ist?“

Sie sagt nichts.

„Du entscheidest dich nie zwischen richtig und falsch.
Sondern zwischen mehreren Leben, die sich unterschiedlich anfühlen.“

Michaela schließt kurz die Augen.

„Und egal, was du wählst…“

Er tippt sich leicht an die Schläfe.

„…mindestens eine Version bleibt hier oben stehen.“

„Und sagt mir immer mal wieder,
dass ich doch besser hätte bleiben sollen“, ergänzt sie.

„Ja.“

„Dass ich schuld bin.“

„Ja, viele nennen das dann Schuld“, sagt der Leopard leise.
„Ist aber meist Sehnsucht.“

Michaela schaut auf.

„Sehnsucht nach den nicht gelebten Versionen“, vervollständigt er.

„Das hier fühlt sich aber nicht nach Sehnsucht an.
Das fühlt sich an wie… Versagen.
Wie Erwartungen, an denen ich gescheitert bin.“

Der Leopard nickt leicht.

„Weil du glaubst, dass es eine Version gibt,
in der du alles richtig gemacht hättest.

Und weil du vergisst,
dass auch er ein Leben hat,
das weitergehen will.“

Sie schließt für einen Moment die Augen.

„Ja.“

Der Leopard bleibt ruhig.

„Du hältst ihn gerade noch fest,
in einer Version, die es nicht mehr gibt.

Nicht aus Bosheit.
Aus Liebe.

Aber Liebe kann auch bedeuten,
jemanden gehen zu lassen,
damit er wieder anfangen kann.“

Michaela atmet spürbar ein.

Ein kaum sichtbares Nicken bei ihr.

„Jackie hat dazu übrigens was gesagt.“

Michaela schaut kurz irritiert.

„Sie meinte vorhin:
Lass lieber Tränen kullern
statt die Stirn zu runzeln.“

Ein ganz kleines Lächeln huscht über Michaelas Gesicht.

Dann wird sie wieder ernst.

„Und was ist mit ihm?
Mit seinem Schmerz?“

Der Leopard bleibt ruhig.

„Der ist nicht deiner.“

„Das klingt kalt.“

„Ist es nicht.
Es ist getrennt.“

Michaela atmet langsam ein.

„Du hast dich nicht gegen ihn entschieden.
Du hast dich für ein Gefühl entschieden,
das du nicht länger ignorieren konntest.

Und jetzt tut es weh. Natürlich tut es das.“

„Ja.“

„Aber nicht, weil es falsch war,
sondern weil es echt war.“

Das Bild flackert kurz.

Der Leopard wird einen Hauch leiser.

„Manche Wahrheiten lassen sich nicht denken.
Nur fühlen.“

Er schaut sie direkt an.

„Hör mal. Ich hab was für dich.“

Michaela hebt leicht den Blick.

Der Leopard sagt nichts mehr.

Ein Atemzug.
Dann beginnt er zu singen.

Schuld fällt leise

mirico | April 2026 | Songtext

Michaela sitzt da.
Ganz ruhig.

Ihre Augen glänzen.
Nicht viele Tränen.
Aber echte.

Sie wischt sich über die Wangen.
Langsam.

„…okay.“

Ein Hauch von Lächeln.

„Das war…“

Sie beendet den Satz nicht.

Schüttelt ganz leicht den Kopf.

„Und trotzdem…
war es meine Entscheidung.“

Nicht laut.
Nicht perfekt.

Aber klarer als zuvor.

Das Bild flackert noch einmal.

Der Leopard nickt.
Ganz ruhig.

„Für morgen
wünsch ich dir einen klaren Blick.
Und ein weiches Herz.
Beides gleichzeitig.“

Die Verbindung bricht ab.
Michaela nickt kaum sichtbar.

Polaris-App, 2.10.2018 | ID *30000169 an ID *99999131

Lieber Leopard,

wie lieb, dass du dich gemeldet hast.
Danke für deine Worte und für das wunderschöne Lied.

Das mit der Schuld ist so eine Sache.
So ein tief verankertes Konzept bei mir.

Die Scheidung heute hat geschmerzt.
Und gleichzeitig nochmal Klarheit geschaffen.

Wir saßen danach noch stundenlang in einem Café und haben geredet.
Und geschwiegen.

Ich wollte ihn gar nicht gehen lassen.
Ich glaube, er mich auch nicht.

Vielleicht wein ich noch ein bisschen.

Danke euch!
Michaela aus 2018

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