
Was, wenn Frieden das extremste Abenteuer ist?
Hier entsteht etwas.
Beziehungsweise gleich zweiwas.
Ein bisschen Biographisches
und ein bisschen über
ein nach Eisbonbons süchtiges Pinguinweibchen
& einen in seine Muster verliebten Leoparden.
Beide auf der Suche nach Frieden. Innen.
Von Michaela.
Für Michaela. Und für dich, falls du ein Stück mitreisen willst.
Februar 2026
Inhalt
- Frieden im Unfrieden
- Jackie & der Leopard Episode 1: Neustart
- Jackie & der Leopard Episode 2: Projektion
- Aushaltenkönnen
- Außerepisodisch: Alles ist gut
Frieden im Unfrieden
App Polaris, 20.2.26
Liebe Michaela,
heute ist der 20.2.2012 und du hast gerade deine Krebsdiagnose erhalten.
Dir geht es entsprechend.
Und ich freue mich, dass du auf wundersame Weise meine Nachricht erhältst.
Ich bin Michaela aus 2026. Bei mir ist zufällig auch der 20. Februar.
Ich bin gerade dabei, eine kleine Geschichte zu entwickeln, die keinen Menschen interessiert.
Also die Menschen, die ich um Feedback gebeten habe, die fanden sie alle nicht so prickelnd.
Ich selbst mag sie aber sehr gerne. Und weil ich dich ja schon ganz gut kenne, kann ich mir gut vorstellen, dass du sie auch magst.
Und deshalb schenke ich dir diese Geschichte. Sie heißt „Jackie & der Leopard“. Und es geht unter anderem um die Fragen:
- Was, wenn Frieden das extremste Abenteuer ist?
- Was, wenn er nicht in der fernen Welt liegt, sondern in unseren Beziehungen – und in uns selbst?
- Und was passiert, wenn auffällt, dass das Blau von Jackies Eisbonbons dasselbe Blau ist wie in den Augen des Leoparden?
Du bist gerade recht aufgewühlt und vielleicht gar nicht so aufnahmefähig – jetzt, da du gerade deine Diagnose erhalten hast.
Aber eine Sache, um die es dir ja auch oft geht, ist das Thema Frieden.
Wie schaffst du es, in einer solchen Situation wie jetzt Frieden zu finden?
Mit dir, mit der Außenwelt und und und.
Ich will dir nichts predigen. Ich will nur sagen, ich hab eine kleine Geschichte über den Frieden im Kopf, die werde ich in der nächsten Zeit verfassen.
Und du sollst zu meiner Zielgruppe gehören, meine Liebe.
Ich wünsche mir und dir, dass dir die Geschichte ein kleines bisschen hilft in der Lebensphase, die dich jetzt erwartet und die sehr spannend ist – das kann ich dir schon mal sagen. Und ja, alles ist gut. Daran wollte ich dich auch noch mal erinnern.
Jackie & der Leopard wird eine Serie über die Haltung im Unfrieden.
Und zwar – zufällig passend zu 2012 – mit 12 Episoden.
Bei jeder Episode wird mindestens ein Lied dabei sein. Ich mache nämlich Lieder mit Hilfe von künstlicher Intelligenz. Das klingt für dich jetzt sicher nach einer ganz komischen Idee, also die künstliche Intelligenz an sich. Ich will mal nicht zu viel verraten, nur so viel: Die KI hilft mir, mich zu reflektieren und künstlerisch auszudrücken.
Und was wollte ich eigentlich sagen? Jetzt hab ich kurz den Faden verloren…
Ach so, ich hab mit der KI ein Lied geschrieben, das ist aber schon vier Monate her – es ist so schnulzig geworden, dass ich es so gut wie nie höre. Es ist so ein etwas kitschiger Disney-Musical-Mix, aber ich will dir das Lied dennoch schenken.
Und ich weiß schon jetzt, dass du aus dem Motto und aus der Emotion heraus etwas damit machen wirst.
Etwas Wunderbares, das dich durch die Zeit trägt, die vor dir liegt.

Ich kenn dich und glaube zu wissen, dass dir dieses Lied in der aktuellen Situation guttut.
Meine anderen Lieder klingen deutlich besser. Versprochen.
Wenn du in der nächsten Zeit magst und aufnahmebereit bist, schau doch gerne bei „Jackie & der Leopard“ vorbei und lass die Szenen und Lieder nach und nach auf dich wirken.
Mach’s gut, liebe Michaela.
App Polaris, 20.2.12
Liebe Michaela aus 2026,
gerade bin ich aus der Klinik gekommen. Der Satz „Sie haben Brustkrebs.“ hallt noch ohrenbetäubend nach. 4 cm großes Ei in der rechten Brust. Unfassbar. Und gleichzeitig deutlich anfassbar.
Ich war gerade noch im Büro und hab aufgeräumt. Jetzt sitz ich hier und warte auf meinen lieben Björn. Aber wenn ich das richtig verstanden habe, kennst du meine, also unsere Geschichte ja schon. Wobei… dass ich deine Nachricht gelesen habe und dir jetzt antworte, öffnet ja gewissermaßen zwangsläufig eine andere Realität, als die du erlebt hast.
Jetzt ist mir doppelt schwindelig.
Und überhaupt – seit wann hab ich eine App namens Polaris auf meinem Handy?
Egal, wenn sie mir Richtung weist und hilft, die extremen Pole von Gesundheit und Krankheit, Frieden und Unfrieden zu überwinden, dann nehme ich sie gerne in Anspruch.
Auch, da ich mich durch die Diagnose gerade fühle, als wäre ich aus der Realität gekippt, ist es praktisch, einen realitätenverbindenen Kanal zur Verfügung zu haben.
Kurzum: Schön, von dir zu hören. Nochmal für mich zur Einordnung: Du bist nicht ich. Und ich bin nicht mehr Du. Denn ich bin schon nicht mehr, was du zu diesem Zeitpunkt in 2012 warst.
Gerne gehöre ich zur Zielgruppe für deine Friedensgeschichte.
So wie’s ausschaut, werde ich erstmal nicht arbeiten können. 12-18 Monate, hat der Arzt gesagt, brauche ich für Chemo, OP, Bestrahlung und Reha. Das ist für mich als Workaholic eigentlich unvorstellbar, schenkt mir aber bestimmt auch viel Zeit zum Lesen, Musikhören und Nachdenken.
Spannend! Deine Nachricht und vor allem dein echt schnulziges Lied – das mich übrigens zu etlichen Tränen gerührt hat – haben mich irgendwie ruhig werden lassen.
Einen ersten Hauch von Frieden im Unfrieden kann ich schon spüren.
Danke dafür, meine liebe Michaela!
Extremes Abenteuer – ja, so kann man es auch bezeichnen.
Mit extrem kann ich mich ja zum Glück gut identifizieren.
Vor der Begegnung mit Björn später hab ich Angst. Die Nachricht wird ihn umhauen.
Ich versuche mal, weiter zu atmen. Vielleicht noch ein paar Tränchen zu lassen.
Ich freue mich, bald wieder von dir zu lesen, liebe … darf ich „Freundin“ sagen?
Ach ja, Musik mit künstlicher Intelligenz… Das finde ich… ach, dazu hab ich heute gar keine Meinung. Bin einfach nur verblüfft – von allem. Vielleicht träum ich das alles auch gerade nur und der ganze Tag ist nicht passiert. Wäre das schön? Keine Ahnung…
Liebe Grüße,
Michaela 2012
Sie drückt den Senden-Button und schläft erschöpft ein.
Michaela aus 2026 freut sich, bereitet noch ihren Workshop für den Folgetag vor und geht zufrieden ins Bett.
Jackie & der Leopard
Episode 1: Neustart

„Ist Frieden gefährlich, wenn man Intensität liebt?“, überlegt Jackie, während sie den Hoodie mit ihrem eigenen Bild darauf durch die Flügelspitzen gleiten lässt, als würde sie prüfen, ob Stoff auch Erinnerung tragen kann. Der Print ist sauber. Zu sauber. Und trotzdem fühlt es sich an, als hätte jemand ihr innerstes Fotoalbum auf Baumwolle gedruckt.
Sie schiebt den Vorhang zur Seite und tritt in die Umkleidekabine.
Der Spiegel ist groß, milchig gerahmt und mit einem Aufkleber versehen, der aussieht, als wäre er von einem sehr genervten Menschen handschriftlich beschriftet worden:
„Achtung: Verzerrung garantiert.“
„Na super“, murmelt Jackie und hebt eine Augenbraue. Im Spiegel sieht sie aus wie sie selbst – nur minimal anders. Ein bisschen größer. Ein bisschen schmaler. Ein bisschen so, als hätte jemand ihr eine Version von ihr gegeben, die sich schon entschieden hat, dass heute ein guter Tag wird.
Sie zieht den Hoodie über den Kopf. Der Stoff ist schwerer, als sie erwartet. Warm.
Fast frech warm für ein Königspinguinweibchen vom Südpol. „Sicher ist sicher“, sagt sie zu niemandem und stampft einmal mit ihren grünen Gummistiefeln auf den Boden, als müsste sie sich selbst bestätigen, dass sie noch da ist.
In der Kabine nebenan raschelt es. Ein Reißverschluss surrt. Es folgt ein Geräusch, das Jackie nur als selbstbewusstes Umziehen beschreiben kann. Und dann eine schnurrende Stimme.
„Das hier ist keine Jacke.“
Jackie blinzelt.
„Sondern?“, fragt sie in den Spiegel hinein, bevor sie nachdenken kann.
„Eine Haltung“, sagt die Stimme. „Eine Art vibrierender Panzer aus Vergangenheit.“
Jackie stellt sich an die Kabinentrennwand.
„Aha.“
„Vintage“, fährt die Stimme fort, „ist ja im Grunde geronnene Zeit. Und geronnene Zeit ist …“
„… bitter-süß?“, bietet Jackie trocken an.
Es entsteht eine Pause. Dann ein kurzes, überraschtes Lachen.
Ein weiterer Reißverschluss. Ein schwerer Schritt. Und plötzlich steht er vor ihr.
Der Leopard.
Muster: Rosetten. Selbstverständlichkeit. Präsenz.
Er trägt eine leopardische Vintage-Jacke, die so tut, als wäre sie schon bei der Erleuchtung gewesen, aber rechtzeitig wieder umgedreht, weil es am Ausgang keine Spiegel mehr gab.
„Jackie!“, sagt er voller Begeisterung.
Sie erstarrt kurz. Nicht aus Angst. Sondern wegen dieses Kribbelns.
„Wir kennen uns?“, fragt sie.
„Nicht persönlich“, sagt er. „Aber ich kenne dein Feld.“
„Mein was?“
„Dein Feld. Du warst im Bu**i-Proof-Kosmos.“
Etwas in ihr vibriert leise. Kein Schmerz. Eher eine Erinnerung.
Doch – ein Schmerz.
„War ich“, bestätigt sie.
„Und ich“, verkündet der Leopard „ich war das proofe Krafttier.“
„Du sagst das so, als wäre das ein Jobtitel.“
„Ist es auch“, schnurrt er zufrieden.
In Jackies rechtem Flügel ist plötzlich ein Eisbonbon. Sie weiß nicht, wann sie es aus der Tüte genommen hat. Sie steckt es in den Schnabel.
Der Leopard lächelt langsam.
„Dich werde ich mir merken“, sagt er. „Du bist merk—würdig.“
Jackie starrt ihn an.
Und dann passiert es.
Ein warmes, tiefes Bauchsummen.
„Oh“, sagt sie leise.
„Was?“
„Nichts. Ich …“
„Du summst“, sagt er.
„Ich summe nicht.“
„Doch. Innen. Dein Bauch summt.“
Sie blinzelt. Das Eisbonbon ist fast weg. Klebrig am Ende.
„Du bist wirklich …“, beginnt er.
Jackie hebt warnend die Hand.
„… wahrhaftig ein merkwürdiges Wesen“, beendet er sanft.
Jackie lacht. Echt.
„Danke. Das nehme ich als Kompliment.“
„Ist es.“
Er sieht sie einen Moment einfach nur an.
„Warum bist du hier?“, fragt er dann.
Jackie sieht an sich herunter. Hoodie. Ihr eigenes Bild. Gummistiefel.
„Ich wollte ein kleines Stück Proofheit wieder spüren“, sagt sie leise. „So etwas wie Frieden.“
Der Leopard nickt.
Jackie atmet ein.
„Frieden… ist Frieden nicht gefährlich, wenn man Intensität liebt – so wie ich?“
Er grinst.
„Was, wenn Frieden das extremste Abenteuer ist?“
Der Satz bleibt zwischen ihnen stehen.
„Das klingt schräg“, sagt Jackie leise.
„Ich weiß“, sagt er. „Deshalb ist es gut.“
Sie lacht wieder. Und diesmal mit etwas Gänsehaut.
„Gehen wir gemeinsam auf Abenteuerreise?“, fragt sie, halb ernst, halb elektrisiert.
Der Leopard setzt sich neben sie.
„Frieden als Ziel. Frieden als Weg. Extrem abenteuerlich. Abgemacht.“
„Dann treffen wir uns wieder.“ stellt Jackie fest.
„Wo?“ fragt der Leopard.
Sie sieht in den Spiegel. „Achtung: Verzerrung garantiert.“
„Da, wo Frieden am wenigsten logisch ist“, sagt sie. „Und am nötigsten.“
Der Leopard schnurrt.
Und um 14:08 Uhr gehen in Polaris unerwartet alle Straßenlaternen gleichzeitig an.
Jackie & der Leopard
Episode 2: Projektion

Bibliothek für Verlorenes & Verlegtes, Polaris
„Du leuchtest gerade so hell, dass ich mich selbst kaum erkenne.“
Jackie sagt es, als würden sie zwischen zwei Regalen über das Wetter reden.
Tun sie nicht.
Die Bibliothek für Verlorenes & Verlegtes ist öffentlich. Jeder darf rein. Jeder darf stöbern.
Niemand darf so tun, als gehöre ihm alles, was er findet.
Dreizehn Stockwerke. Kein siebtes.
Die Wände sind jeweils zweifarbig gestrichen: eisbonbonblau und leopardengelb.
Staub liegt in der Luft. Und ein Hauch von kaltem Metall, als wären hier Dinge gelandet, die zu viel erlebt haben.
Jetzt stehen sie im Treppenhaus. Spiegel hängen an der Decke.
Nicht aus Eitelkeit.
Eher wie eine sanfte Warnung: Du nimmst dich immer mit.
Der Leopard schnurrt. Ein bisschen zu laut.
Das Geräusch hallt zwischen Metallgeländern und Beton.
„Das war kein Kompliment“, sagt Jackie.
„Doch“, sagt er ruhig. „Nur eins mit Risiko.“
Sie steigen.
Auf Etage drei liegt eine verlorene Schneekugel.
Auf fünf ein einzelner Handschuh, mit dem beide nichts anfangen können.
Auf sechs ein Notizbuch mit leerem Inhalt.
Sie überspringen sieben. Es gibt sie nicht.
„Warum keine Sieben?“, fragt Jackie.
„Polaris mag keine bequemen Zwischenräume“, sagt er. „Ganz oder gar nicht. Proof.“
Ihr Bauch summt. Warm. Stabil. Verräterisch friedlich.
Sie zieht ein Eisbonbon aus der Tasche.
Steckt es in den Schnabel. Lutscht langsamer als sonst.
Als würde sie prüfen, ob sie es wirklich braucht.
Auf Etage neun greifen sie gleichzeitig nach einer alten Audiokassette.
Aufschrift: „Eiszeit“
Ihr Flügel berührt seine Pfote. Kurz.
„Das gehört mir“, sagt Jackie leise.
Sie dreht die Kassette um. „Das ist ein Lied aus meiner Bu**i-Proof-Zeit.“
Er nickt. „Sehnsucht nach Frieden im Außen.“
Sie sieht ihn an. „Du kennst es.“
„Ich war das spirituelle Krafttier“, sagt er trocken. „Natürlich kenne ich es.“
Das Schnurren wird wieder etwas zu laut.
Jackie streicht über das Plastikgehäuse. „Ich hab damals geglaubt, Frieden ist ein Ort. Eine Temperatur. Eine Landschaft. Wenn ich nur weit genug gehe, weit genug reise, weit genug funktioniere… dann wird es ruhig.“
„Und?“
„Es wurde nur anders laut.“
Er lächelt nicht. Er schnurrt.
„Ich hab das Gefühl, dass ich bei dir laut und leise sein darf“, sagt er plötzlich.
Nicht groß. Nicht pathetisch. Einfach wahr.
Das ist der gefährliche Moment.
Jackies Bauch summt stärker.
Spirituelle Größe. Selbstbewusstsein. Ein Wesen, das einfach da ist.
In ihr entsteht dieser süße, falsche Gedanke:
Wenn ich so wäre, müsste ich nichts mehr suchen.
Sie hasst den Gedanken, weil er sich wie Erlösung anfühlt.
„Du projizierst“, sagt sie ruhig.
„Du auch“, sagt er.
Stille zwischen den Regalen. Staub tanzt im leopardengelben Licht.
„Frieden ist Bauchsummen“, sagt sie.
Er nickt. „Frieden ist leises Schnurren.“
Sie gehen weiter nach oben, mit der Kassette in der Hand.
Auf dem Dach der Bibliothek steht eine abgerundete Leseliege aus altem Holz. Halb Kreis. Halb Zuflucht.
Um 14:12 Uhr gehen alle Leselampen gleichzeitig an.
Kein Flackern. Kein Zögern. Polaris entscheidet sich immer ganz. Nie halb.
Jackie setzt sich. Der Leopard legt sich quer über die Holzkurve, als wäre sie Bühne und Nest zugleich.
„Willst du es hören?“, fragt sie.
„Jedes Lied trifft anders“, sagt er. „Man steigt nicht zweimal in denselben Fluss.“
„Heraklit“, sagt sie. „Panta rhei.“
Sie lächelt. „Ebenso hört man nicht zweimal auf dieselbe Weise dasselbe Licht.“
Er hebt eine Braue. „Das klingt nach dir.“
Sie atmet ein und setzt zum Gesang an.

Der Wind ist kühl. Das Metallgeländer atmet Kälte.
Als sie endet, ist es nicht sentimental. Es ist klar.
Er liegt da. Still.
Schnurrt nicht.
Dann vibriert sein Handy.
Er runzelt die Stirn.
Auf dem Display erscheint:
POLARIS V.2.0
Nachricht von: Michaela 2012
„Frieden ist Aushaltenkönnen.“
Das Schnurren setzt wieder ein.
Zu laut.
Jackie schaut auf das Display.
Dann auf ihn.
„Ist das dein Draht zum Universum?“
Er schluckt kaum merklich.
„Ja.“
„Und?“
Er sieht wieder auf die Nachricht.
Seine Pfote liegt noch auf der Kassette.
„Ich glaube“, sagt er langsam, „das Multiversum hat gerade nicht nur mich gemeint.“
Sein Schnurren bricht ab.
Und zum ersten Mal seit sie sich begegnet sind, ist es nicht seine Lautstärke, die den Raum füllt.
Sondern die Frage, wem von beiden diese Nachricht mehr gehört.
Aushaltenkönnen
App Polaris, 20.2.26 | ID *44012357 an ID *30000169
Liebe Michaela,
bei mir ist immer noch heute – also der 20.2.26. Ich hab mal in meiner Polaris-App einen neuen Threat geöffnet – und zwar zu dir, liebe Michaela, am 31.12.2012. Erinnerst du dich noch an meine Kontaktaufnahme an deinem Diagnosetag im Februar?
Meine App zeigt für mich ID *44012357 an und für dich ID *30000169.
Witzig – ich dachte kurz, ich müsste ID 1 sein oder so. Da ich ja die erste bin, die Kontakt aufgenommen hat. Dieser mein Größenwahn mal wieder…
„Polaris ist eine der meistgenutzten realitätenverbindenden Apps überhaupt.“ steht doch hier direkt unter Einstellungen und dass ich offenbar Version 1.0 nutze.
Ok, ich bin mir – jetzt nach kurzem innehalten – durchaus bewusst, dass ich nicht die ID 1 bin, sondern nur eins von unendlich vielen Fädchen in einem wunderschönen Netz. Unsichtbar. Verbindend. Ein Netz der multipolaren Gleichzeitigkeit.
Zahlen können einen schon in die Irre führen, geben aber Orientierung bzw. in unserem Fall: Identität.
Also, liebe Michaela ID *30000169, die ich dich im Februar 2012 erreicht habe! Als ich meine zweite Episode von „Jackie & der Leopard“ geschrieben habe, hab ich gemerkt, dass du tatsächlich einen Weg gefunden hast, direkt mit dem Leoparden zu kommunizieren. Ich muss unbedingt auch ein Update auf Polaris V.2.0 machen, um auch mit Nicht-Michaelas in Kontakt treten zu können.
Wobei… Eile besteht da ja mal wirklich nicht.
Ich könnte vielleicht einen Faden verlieren. Aber der Faden geht nicht verloren.
„Frieden ist Aushaltenkönnen.“, hast du dem Leoparden geschrieben. Danke dafür!
Das hat ihm und auch der eisbonbonsüchtigen Jackie gutgetan.
Ach ja, was hast du nicht alles in 2012 ausgehalten. Heute machst du deinen Rückblick.
In nur 10 Monaten hast du das Krebsthema optimistisch durchgezogen – also wenn dich meine Kontaktaufnahme nicht völlig anders geleitet hat. Und im Januar willst du wieder arbeiten gehen.
Das Jahr war voller Situationen, in denen du dein Aushaltenkönnen üben konntest.
Nicht nur die eigene Krebstherapie – auch die Situation an Ostern, als die Mama im Krankenhaus war mit ihrer Hirnhautentzündung und die Ärztin gemeint hat, sie hätte eine 50-50-Chance die Nacht zu überleben und dass du aber nicht zu ihr dürftest, weil du ja gerade Krebs hast.
Oder der Papa, dem in meiner/unserer OP-Woche einfällt, selbst eine Darmkrebsdiagnose erhalten zu müssen. So war ich bzw. warst du am Dienstag bei seiner OP und am Freitag bei deiner eigenen.
Auf wundersame Weise ist alles gut gegangen. Gut, dass wir in unserer Familie so unbesorgt unterwegs sind. „Mehr als nötig leidet, wer leidet, bevor es nötig ist.“ – dieses Seneca-Zitat gefällt mir besonders gut.
So, jetzt mach ja ich irgendwie den 2012-Rückblick. Erzähl mir doch mal, wie es dir ergangen ist und was dich gerade so bewegt, liebe Michaela!
PS: Natürlich, kannst du mich gerne „Freundin“ nennen.
PPS: 2013 hältst du auch aus.
App Polaris, 31.12.12 | ID *30000169 an ID *44012357
Liebe Freundin,
da ist ja unser Chat wieder! Und die Polaris-App ist auch wieder sichtbar. Jetzt erinnere ich mich wieder! Ich kann sehen, was wir im Februar geschrieben hatten. Warum hast du dich denn gar nicht mehr zwischendurch gemeldet?
Vermutlich hatte ich das alles durch Schlaf und Schock und so vergessen. Wobei… nicht ganz.
Denn an einem Tag im März hatte ich plötzlich unter der Dusche die Idee mit dem Glückspilzchen-Projekt und dem „Du bist nicht allein! Du schaffst das!“-Motto.
Danke für das schnulzige Lied!
Das Projekt hat mir richtig Kraft gegeben. Mit Texten und Fotobasteleien hab ich das Erlebte und meine Sorgen (ja, die hatte ich auch immer mal zwischendurch) bearbeitet.
Auf meiner Facebook-Seite hab ich ca. 800 Fans und bekomme immer mal wieder liebe Nachrichten. Dann bin ich noch in zwei Selbsthilfegruppen auf Facebook, das hat total geholfen!
Und einige echt liebe Busenfreundinnen hab ich auch gewonnen.
Viel Energie hat mir der Brustkrebslauf in Köln gegeben.
Ach ja, und stolz bin ich auch auf meine Spendenaktion für die Deutsche Krebshilfe. Da ist ordentlich was zusammengekommen. Zufälligerweise hat Lidl die Weihnachtsspendenaktion dieses Jahr ebenfalls der Deutschen Krebshilfe gewidmet – 400.000 Euro waren da geplant.
Da ich ja etwas zu Größenwahn neige – das ist wohl das Leopardische in mir – bilde ich mir ein, dass das ein bisschen auch wegen mir war.
Insgesamt war es ein echt abenteuerliches Jahr, das ich nicht missen möchte!
Und ja, ich bin stolz auf alles, was ich so ausgehalten und geschafft habe.
Und auch darauf, dass es sich oft gar nicht wie „aushalten“ angefühlt hat. Eher wie lebendig.
Ich bin so unheimlich dankbar für die lieben Menschen, die mich begleitet haben.
Vor allem für meinen lieben Björn, der alles tapfer mit durchgestanden hat und mir so eine großartige Unterstützung war.
Ein großes Geschenk war für mich, dass mir das Buch „Wieder gesund werden“ von Carl Simonton über Visualisierungsmeditationen zugeflogen kam. Es war ein Buchtipp in der Zeitschrift MammaMia, die in der pinken Krebsbegrüßungstasche aus dem Brustzentrum zusammen mit ganz viel Infomaterialien schlummerte.
Die Krebszellen wegvisualisieren und damit aktiv die Selbstheilungskräfte aktivieren – das klang super für mich, hab ich mir direkt bestellt und in der ersten 4-stündigen Chemo-Sitzung angefangen zu lesen. Und seitdem hab ich mehrmals am Tag die 30-minütige angeleitete Visualisierungsmeditation durchgeführt. Erst Entspannung, dann den Krebs visualisierenderweise schrumpfen lassen.
Nur für den Fall, dass dir das Buch in deiner Realität aus irgendeinem Grund nicht begegnet ist, erzähl ich dir kurz, was ich da so gemacht hab: Ich hab mir vorgestellt, wie die Chemotherapie und mein eigenes Immunsystem zusammenarbeiten und die Krebszellen vernichten. Als großer Herr-der-Ringe-Fan lief das vor meinem inneren Auge alles in Mittelerde ab und mein Name war Frodo. Die Krebszellen waren Orks und Uruk-hais, die von meinem Immunsystem und der Chemo, nämlich den Elben, den Menschen und vielen weiteren Verbündeten bekämpft wurden. Dabei kamen erstaunliche Dialoge hoch – unter anderem sprachen Gandalf und Elrond über mich. Hat mir auf jeden Fall echt gut geholfen.
Was war sonst noch so? Sicherheitshalber hatte ich doch mal meine Beerdigung durchgeplant.
Und ich hab ganz schön viel nachgedacht, Biographiearbeit gemacht und mein Leben gedanklich neu strukturiert.
In den vergangenen Jahren hab ich deutlich zu viel gearbeitet – 70-80 Stunden pro Woche.
Kurz nach der Diagnose musste ich mich erstmal neu aufstellen – und dafür hab ich mir meine 4+1 Säulen der Heilung ausgedacht, nämlich body, home, soul, work + time. Für jeden Lebensbereich hab ich hinterfragt, wie die Ist-Situation ist, wie zufrieden ich mich mit der Säule fühle und was ich tun möchte, um evtl. noch ein bisschen zufriedener zu werden.
Die Struktur zieht sich inzwischen durch mein ganzes Leben, unter anderem auch durch meine Dateistruktur im Notebook, meine Ordnerstruktur, meine App-Seiten auf dem Handy. Das Konzept gefällt mir total gut. Ich wollte unbedingt vierbuchstabige Worte und ich wollte eine neue Struktur und durch die „time“-Säule eine gesunde Balance zwischen den einzelnen Lebensbereichen.
Bei meiner Rückkehr in die Arbeitswelt nächsten Monat möchte ich alles daransetzen, diese Balance zwischen den Lebensbereichen aufrechtzuerhalten. Ich möchte nicht wieder in alte Workaholic-Verhaltensmuster verfallen. Ich möchte es aushalten, nicht alles an mich zu ziehen, nicht alles fertig zu machen, nicht alles retten zu wollen. Frieden ist Aushaltenkönnen. Gleichzeitig möchte ich zeigen, dass mich der Krebs nicht schwach gemacht hat. Ich will zeigen, dass ich den Krebs besiegt hab und wieder richtig stark im Arbeitsleben wirksam sein kann.
Wenn ich das alles so betrachte, kann ich gut sagen:
Die Brustkrebsdiagnose war in meinem Fall ein echter Glücksfall.
Ach ja, zu „Jackie & der Leopard“: das hab ich tatsächlich auch komplett gelesen – eine wirklich wunderschöne, liebevolle und proofe Geschichte über die Haltung im Unfrieden. Ob du sie überhaupt schon fertig geschrieben hast, wenn du das liest? Ich weiß gar nicht mehr genau, wie ich auf sie gekommen bin… ich glaube, das war ein Link auf Facebook von irgendjemandem. Hast du damit was zu tun oder eine andere Version von uns? Von mir kam die Nachricht an den Leoparden jedenfalls nicht. Ach, ist das spannend. Da kann einem echt schwindelig werden.
Gut, dass ich nicht alles wissen muss, auch wenn mich die Frage nach dem „Woher?“ ja schon immer mal wieder umtreibt.
Was meinst du mit „2013 hältst du auch aus.“?
Wolltest du mich vor irgendwas warnen und hast es dir dann doch anders überlegt?
Ach, wer weiß, inwieweit ich auf Warnungen überhaupt eingehen würde.
Es wird schon alles für was gut sein.
Mal sehen, ob ich mich an diesen Austausch nun erinnere oder ob sich die Polaris-App wieder verflüchtigt. Ich versuch zur Sicherheit mal nicht zu schnell einzuschlafen.
Jetzt feier ich erstmal Silvester und den Abschluss eines krassen Jahres.
Mach’s gut, liebe Freundin!
Dein Glückspilzchen Michaela aus 2012
Außerepisodisch: Alles ist gut
App Polaris, zeitlos | ID * 99999131 an ID *30000169
Liebe Michaela,
danke für deine Nachricht an mich und vermutlich auch an Jackie!
Ich hab gerade gesehen, dass dein Kanal offen ist.
Da dachte ich, ich schicke dir ein Lied für dein verrücktes Jahr 2013.

Mustergültige Grüße
Der Leopard
PS: Auch Jackie lässt grüßen.
App Polaris, 1.1.2013 | ID *30000169 an ID * 99999131
Lieber Leopard,
ach, dann hab ja doch ich dir die Nachricht geschrieben. Seh unseren Chat gerade hier in der App.
Kann mich zwar nicht erinnern, aber mich wundert nichts mehr.
Danke für dein Lied! Scheint ja ein schweres Jahr für mich zu werden.
Es tut gut, auch dich irgendwie in meiner Nähe zu spüren.
Danke, dass du dich um mich sorgst. Dann brauch ich das ja nicht mehr machen.
Viele liebe Grüße
Glückspilzchen Michaela


