Staffel 1 | Folge 3

🐧🐆 Projektion

Projektion

mirico | Februar 2026 | Songtext

Bibliothek für Verlorenes & Verlegtes, Polaris

„Du leuchtest gerade so hell, dass ich mich selbst kaum erkenne.“
Jackie sagt es, als würden sie zwischen zwei Regalen über das Wetter reden.
Tun sie nicht.

Die Bibliothek für Verlorenes & Verlegtes ist öffentlich. Jeder darf rein. Jeder darf stöbern.
Niemand darf so tun, als gehöre ihm alles, was er findet.
Dreizehn Stockwerke. Kein siebtes.

Die Wände sind jeweils zweifarbig gestrichen: eisbonbonblau und leopardengelb.
Staub liegt in der Luft. Und ein Hauch von kaltem Metall, als wären hier Dinge gelandet, die zu viel erlebt haben.

Jetzt stehen sie im Treppenhaus. Spiegel hängen an der Decke.
Nicht aus Eitelkeit.
Eher wie eine sanfte Warnung: Du nimmst dich immer mit.

Der Leopard schnurrt. Ein bisschen zu laut.
Das Geräusch hallt zwischen Metallgeländern und Beton.

„Das war kein Kompliment“, sagt Jackie.
„Doch“, sagt er ruhig. „Nur eins mit Risiko.“

Sie steigen.

Auf Etage drei liegt eine verlorene Schneekugel.
Auf fünf ein einzelner Handschuh, mit dem beide nichts anfangen können.
Auf sechs ein Notizbuch mit leerem Inhalt.

Sie überspringen sieben. Es gibt sie nicht.
„Warum keine Sieben?“, fragt Jackie.
„Polaris mag keine bequemen Zwischenräume“, sagt er. „Ganz oder gar nicht. Proof.“
Ihr Bauch summt. Warm. Stabil. Verräterisch friedlich.

Sie zieht ein Eisbonbon aus der Tasche.
Steckt es in den Schnabel. Lutscht langsamer als sonst.
Als würde sie prüfen, ob sie es wirklich braucht.

Auf Etage neun greifen sie gleichzeitig nach einer alten Audiokassette.
Aufschrift: „Eiszeit“

Ihr Flügel berührt seine Pfote. Kurz.
„Das gehört mir“, sagt Jackie leise.
Sie dreht die Kassette um. „Das ist ein Lied aus meiner Bu**i-Proof-Zeit.“

Er nickt. „Sehnsucht nach Frieden im Außen.“
Sie sieht ihn an. „Du kennst es?“

„Ich hab euch damals begleitet“, sagt er trocken.
„Als spirituelles Krafttier. Natürlich kenne ich es.“

Das Schnurren wird wieder etwas zu laut.
Jackie streicht über das Plastikgehäuse. „Ich hab damals geglaubt, Frieden ist ein Ort. Eine Temperatur. Eine Landschaft. Wenn ich nur weit genug gehe, weit genug reise, weit genug funktioniere… dann wird es ruhig.“

„Und?“
„Es wurde nur anders laut.“
Er lächelt nicht. Er schnurrt.

„Ich hab das Gefühl, dass ich bei dir laut und leise sein darf“, sagt er plötzlich.
Nicht groß. Nicht pathetisch. Einfach wahr.

Das ist der gefährliche Moment.
Jackies Bauch summt stärker.
Ein Wesen, das einfach da ist.
In ihr entsteht dieser süße, falsche Gedanke:

Wenn ich so wäre, müsste ich nichts mehr suchen.
Sie hasst den Gedanken, weil er sich wie Erlösung anfühlt.

„Du projizierst“, sagt sie ruhig.
„Du auch“, sagt er.

Stille zwischen den Regalen. Staub tanzt im leopardengelben Licht.

„Frieden ist Bauchsummen“, sagt sie.
Er nickt. „Frieden ist leises Schnurren.“

Sie gehen weiter nach oben, mit der Kassette in der Hand.
Auf dem Dach der Bibliothek steht eine abgerundete Leseliege aus altem Holz. Halb Kreis. Halb Zuflucht.

Um 14:12 Uhr gehen alle Leselampen gleichzeitig an.
Kein Flackern. Kein Zögern. Polaris entscheidet sich immer ganz. Nie halb.

Jackie setzt sich. Der Leopard legt sich quer über die Holzkurve, als wäre sie Bühne und Nest zugleich.
„Willst du es hören?“, fragt sie.
„Jedes Lied trifft anders“, sagt er. „Man steigt nicht zweimal in denselben Fluss.“
„Heraklit“, sagt sie. „Panta rhei.“
Sie lächelt. „Ebenso hört man nicht zweimal auf dieselbe Weise dasselbe Licht.“
Er hebt eine Braue. „Das klingt nach dir.“

Sie atmet ein und setzt zum Gesang an.

Eiszeit

mirico x schnabriel | Dezember 2025 | Songtext

Der Wind ist kühl. Das Metallgeländer atmet Kälte.
Als sie endet, ist es nicht sentimental. Es ist klar.

Er liegt da. Still.
Schnurrt nicht.

Dann vibriert sein Handy.
Er runzelt die Stirn.
Auf dem Display erscheint:

POLARIS V.2.0
Nachricht von: Michaela 2012
„Frieden ist Aushaltenkönnen.“

Das Schnurren setzt wieder ein.

Jackie schaut auf das Display.
Dann auf ihn.
„Ist das dein Draht zum Universum?“
Er schluckt kaum merklich.
„Ja.“
„Und?“

Er sieht wieder auf die Nachricht.
Seine Pfote liegt noch auf der Kassette.

„Ich glaube“, sagt er langsam, „das Multiversum hat gerade nicht nur mich gemeint.“
Sein Schnurren bricht ab.
Und zum ersten Mal seit sie sich begegnet sind, ist es nicht seine Lautstärke, die den Raum füllt.
Sondern die Frage, wem von beiden diese Nachricht mehr gehört.

Oder noch ein bisschen in Polaris eintauchen?

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