Staffel 1 | Folge 7

🐧🐆 Zugeneigt

Verlassener Ski-Lift, Polaris.
Warmer Sommertag. Unten Wiese. Oben Schnee.

„Warum fährt der nicht?“, fragt Jackie und stößt sanft mit dem Flügel gegen die Metallstange.
Der Lift hängt reglos zwischen Tal und Gipfel, als hätte er beschlossen, heute nichts mehr beweisen zu müssen.

Der Leopard sitzt bereits auf dem wackligen Sitzbrett und grinst.
„Vielleicht wartet er auf Zustimmung.“
„Von wem?“

„Na, von der Polaris-App.“
Jackie verdreht die Augen.
„Oder vom Techniker.“

Er lacht.
Sie lacht.
Der Lift ruckt an.
Beide verstummen.
Der Lift bleibt stehen.

Langsame Blicke.
Er lacht wieder.
Sie lacht mit.
Der Lift setzt sich erneut in Bewegung.

„Das hier fühlt sich gefährlich leicht an“, denkt Jackie kurz.
Projektion hatte sie das vor ein paar Tagen noch genannt.
Und trotzdem lacht sie.

„Synchronität“, sagt er zufrieden.
„Quatsch“, sagt sie. „Das ist Zufall.“

Er hört auf zu lachen.
Der Lift stoppt.
Jackie starrt ihn an.
„Okay“, sagt sie ruhig. „Das ist nicht lustig.“

Er lacht wieder, diesmal übertrieben.
Sie prustet los.
Der Lift fährt weiter.
Und so lernen sie:
Der Lift fährt nur, wenn beide lachen.

Der Lift steigt höher.
Unter ihnen wird das Grün kleiner.
Über ihnen wird die Luft klarer.
Oben liegt tatsächlich Schnee.
Mitten im Sommer.
Polaris diskutiert nicht.

Jackie springt ab und stapft in den weißen Teppich.
„Schnee!“ ruft sie, als hätte sie ihn erfunden.
Sie wirft sich rücklings hinein und bewegt Flügel und Füße.
Ein Schnee-Engel entsteht. Grün gestiefelt.
Etwas schief. Voller Hingabe.

Der Leopard bleibt am Rand stehen.
Von oben betrachtet sieht sie aus wie ein spirituelles Flügelwesen.
Er sagt nichts.
Und das ist ungewöhnlich.
Dann setzt er sich neben sie.

„Ich hab eine Idee“, sagt er plötzlich.
Ein Zündfunke.
Jackie richtet sich auf.
„Oh oh.“

„Wir machen es öffentlich.“
„Was genau?“
„Frieden.“
Sie lacht.
„Wie verkauft man den? In Gläsern?“

„Nicht verkaufen. Verbreiten.
Ein Kanal. ‚Jackie & der Leopard‘. Jede Woche ein Impuls.
‚Frieden ist …‘. Geschichten. Lieder. Praxis.“
Jackies Bauch beginnt zu summen.
Warm. Südpol-warm.

„Wenn dadurch acht Wesen ruhiger schlafen“, sagt sie langsam, „reicht mir das.“
Er nickt.
Und schüttelt dann den Kopf.
„Acht?“
„Ja.“
„Warum nicht acht Milliarden?“

Jackie lächelt.
„Größenwahn steht dir.“

Er steht auf, geht im Schnee auf und ab.
Seine Pfoten hinterlassen klare Spuren.

„Hör zu. Wenn Wesen verstehen, dass alles gleichzeitig existiert – dass nichts verloren geht – dass jedes Erleben nur eine Variante ist – dann entspannen sie sich.“

„Oder sie drehen durch“, sagt Jackie trocken.

„Nein! Sie erkennen, dass sie nichts verpassen.
Dass alles möglich ist.
Das Wissen um das Multiversum fördert inneren Frieden.“

Jackie zieht ein Eisbonbon aus der Tasche.
Steckt es in den Schnabel.
Lutscht langsam.

„Ein Universum reicht“, sagt sie.
„Vielleicht“, sagt er.

Seine Augen leuchten. Eisbonbonblau.
Er setzt sich wieder neben Jackie. Es knistert in seinem Fell.

„Ab Polaris-App Version 8.0 ist Avatar-Reisen möglich.“
Sie sieht ihn an.
„Du hast aktuell Version 4.0.“
„Noch“, sagt er leise. „Aber ein anderes Ich hat mir verraten, was kommt.“
„Natürlich.“
„Stell dir vor: Ich schlüpfe in einer anderen Realität in einen beliebigen Avatar.
Ich verbreite unsere Botschaften direkt dort.
Nicht nur per Nachricht. Als Präsenz.“

Jackie kaut gedankenverloren.
„Und ich?“
„Du bleibst hier. Du erdest es.
Wir posten in diesem Universum.
Erfahrungsberichte. Kontaktberichte.
‚Frieden ist …‘-Reihe. Wie gesagt.“

Sie lächelt.
„Kein Multiversums-Overkill am Anfang.“

„Ein Universum reicht?“, wiederholt er fragend.
Diesmal mit einem Hauch Respekt.
„Vielleicht“, sagt sie.
Eine Pause.

„A propos erden.“
Sie zückt einen kleinen Block.
Reißt mehrere Zettel ab.
„Ich mach ja nicht mit jedem so ein Projekt“, schmunzelt sie.

„Lass dich mal besser kennenlernen…“, murmelt sie, während sie die Zettel beschreibt.
Dann liest sie einen nach dem anderen vor:

„Lieblingsfarbe?“
„Leopardengelb.“
„Klar.“

„Glaubst du an Engel?“
„Klar.“

„Was wäre Frieden ohne Publikum?“
Er richtet sich ein Stück auf.
„Ohne Publikum ist alles nichts. Auch der Frieden.“
Jackie blinzelt.
„Dann ist er aber schnell weg.“

„Wem willst du beweisen, dass du außergewöhnlich bist?“
Er antwortet schneller, als er denkt.
„Papa. … und dir.“

Stille.
Sie schaut ihn an.
Zu lange.
Dieses Blau.

Noch ein Zettel.
Sie zögert kurz.

Dann reicht sie ihn zu ihm rüber:
„Willst du mit mir gehen?“
Mit Feldern zum Ankreuzen. Ja. Nein. Vielleicht.

Er liest.
Lächelt.
Steckt ihn ein.

„Da muss ich in Ruhe drüber nachdenken.
Ich will nichts Falsches ankreuzen.“

Sie lacht. Ein bisschen zu laut.
Hinter ihnen knarrt der Lift leise im Wind.

Der Leopard beginnt zu sprudeln.
Podcast-Avatar-Reisen-Friedens-Index-blau-gelbe-Bewegung-fast-sektenfähig—
„Wenn wir es richtig machen“, sagt er, „können wir alles erreichen.“

Sie beobachtet ihn.
Dieses Strahlen.
Diese Geschwindigkeit.

„Ich will nicht alles.“, sagt sie leise.
„Ich will echt.“

Er hört sie nicht.

Sie lutscht ihr mittlerweile viertes Eisbonbon zu Ende.
Ohne es bemerkt zu haben.
Der Schnee um sie herum beginnt minimal zu schmelzen.

„Frieden fühlt sich leicht an“, sagt sie.
„Euphorie auch“, sagt er.

Sie setzen sich wieder in den Lift.
Beide lachen.
Der Lift fährt.
Höher als zuvor.
Unter ihnen verschwindet die Wiese.
Über ihnen wird die Luft dünner.
Sie schaut ihn an.
Er schaut nach oben.
Der Lift wird schneller.
Sie lachen noch.
Aber diesmal hört sie zuerst auf.
Der Lift zuckt.
Und fährt weiter. Als hätte er seine eigene Idee.

*

Später, auf dem Nachhauseweg, stapft Jackie allein durch das schmelzende Gras unterhalb der Schneelinie.
Die grünen Gummistiefel machen leise Schmatzgeräusche.
Sie merkt erst nach ein paar Takten, dass sie singt.
Nicht für ihn.
Nicht für ein Publikum.
Einfach so.
Erst summt sie.
Dann wird es lauter.

„Wir sitzen zwischen Wiese und Schnee …
Sommer im Tal, Sommer in mir …“

Sie bleibt kurz stehen, schaut in den Himmel von Polaris –
und grinst.

„Frieden fühlt sich leicht an …“
Diesmal sagt sie es laut.

Zugeneigt

mirico | Februar 2026 | Songtext

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