Staffel 2 | Folge 2

🐧🐆Kater(l)ama

Waldrand, Polaris.

Ein kleiner, kreisrunder Fleck Wiese.
Ein Wegweiser steht daneben.

„Tigerrundweg.“
Darunter kleiner:
„Auch für Leoparden geeignet.“

Der Leopard bleibt stehen.
Liest es nochmal.

Der Weg ist durch eine Lichterkette markiert.
Jeden Tag um 16:33 Uhr gehen alle Lichter gleichzeitig an.
Warum, weiß niemand so genau.

Es ist 16:37.
Und der Leopard tigert bereits in Kreisen.
Zunehmend ungleichmäßiger.

„Die Polaris-App ist nur Benutzeroberfläche für das, was schon immer ist.“, murmelt er.

„Polaris ist ein Stern. Der Nordstern“, wirft Jackie ein und zückt für alle Fälle schon einmal ein Eisbonbon.

„Ein Stern ist längst vergangen, wenn wir ihn sehen. Oder auch nicht.
Das wissen wir erst, wenn wir ganz genau hinsehen.“ Dabei hält er den Kopf schief.

Und damit driftet der Leopard etwas ab.

„Ob die Katze in Schrödingers Box eigentlich männlich oder weiblich ist?“
Er bleibt stehen.
Schüttelt kurz den Kopf.

„Nannte er das Phänomen zufällig auch polare Gleichzeitigkeit – wie wir beide es besingen?
Vielleicht ist es sogar eine Großkatze.
Ein Großkater.
Ein Leopard!“
Er strahlt.

„Vielleicht bin ich in der Box?“
Er strahlt weiter.

„Vielleicht ist in der Box ein Spiegel.“
Er sitzt inzwischen und umfasst seine Schnurrbarthaare mit beiden Pfoten.

„Du warst bei männlich oder weiblich, mein Freund.“ sagt Jackie nüchtern.

Er steht auf.
Tigert weiter.

„Ja, stimmt. Dieses Geschlecht. Transsexualität, Non-Binärität und alles Nochnichtgedachte als Ausdruck des Quantenfeldes!“

Seine eisbonbonblauen Augen öffnen sich weit.

„Alles ist möglich. 1 und 0 und alles dazwischen. Alles ist.“

„Spür mal in deine Pfoten.“ schlägt sie vor.

„Ich bin nicht verrückt.
Ich werd doch mal laut nachdenken dürfen“, erwidert er
und tigert etwas entschlossener.

Sie sagt nichts.
Sie spürt in ihre Flügelspitzen.

Dann:
„Natürlich darfst du das.
Mir geht das aber zu schnell. Und etwas zu hektisch.
Wenn du mich teilhaben lassen willst, lass uns etwas Tempo rausnehmen.
Ich finde deine Gedanken äußerst spannend.
Aber mein Gemüt ist ein Gemütliches.“

„Ok, also, ich hab vier Pfoten.“
Er atmet.

Im Kopf denkt er heimlich über die Zahl 4 nach:
„4 edle Wahrheiten. Mein Hut, der hat 4 Ecken. Oder 3? 3 x schwarzer Kater. War Baghira eigentlich ein Leopard? Nein. Aber ich war vielleicht mal Baghira. Oder werde sein. Ha! Klar! Ich bin Baghira!“

Er reißt den Kopf hoch.
Die Krallen fahren aus.

Dann hält er kurz inne.
Sehr kurz.

Geht weiter.

„Der Spiegel in der Box.
Oh nein. Hoffentlich bin ich keine tote Katze!“

Er atmet tief ein.
Beim Ausatmen faucht er versehentlich.

„Nein, das geht ja gar nicht. Tot ist ja nur eine Momentaufnahme. Bin ich die Box? Ein Boxer? Wer bin ich? Früher war ich mal der Dalai Lama. Als wir uns die Paper auf die Stirn geklebt haben. Und… das ist es: Ich bin natürlich eine Reinkarnation eines besonders hochwertigen spirituellen Krafttie…“
Dabei berührt er mit seiner rechten Pfote seine Brust, die bereits leicht eisbonbonblau schimmert.

Manches denkt er versehentlich laut.
Er merkt nicht, dass Jackie leise singt.

Du entgleitest mir

mirico | März 2026 | Songtext

Sie räuspert sich.
Wartet kurz, bis er wieder bei ihr vorbei kreist.
Legt ihre Flügelspitze für einen Moment auf seine Schulter.

Für Jackie berührt er mit allen vier Pfoten gleichzeitig den Boden.
Und versucht zu schnurren.

Er wird ruhiger.

„Lass uns ein Stück spazieren gehen.“, schlägt Jackie vor.
Und sie tun es.

„Jackie ist ein merkwürdiger Vogel“, denkt er.
Er blinzelt.
Als würde der Gedanke neu bei ihm ankommen.
„Sie macht mich tatsächlich auf jeden einzelnen Singvogel aufmerksam.
Auf die Blumen.
Den Geruch.“

Seine Schritte finden langsam einen Rhythmus.
Gleichmäßig.

Er wird ruhiger.
Tatsächlich.

„Ach, Jackie“, seufzt er. „Danke, dass du mich annimmst wie ich bin.“

Jackie nickt.

Ein Mülleimer mit der Aufschrift „Ich schaff das.“
Sie entsorgt ungezählte Eisbonbonpapierchen.

Oder noch ein bisschen in Polaris eintauchen?

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