
Was, wenn Frieden das extremste Abenteuer ist?
Hier entsteht etwas.
Beziehungsweise gleich zweiwas.
Ein bisschen Biografie.
Und ein bisschen über
ein nach Eisbonbons süchtiges Pinguinweibchen
& einen in seine Muster verliebten Leoparden.
Beide auf der Suche nach Frieden.
Nicht im Außen.
Sondern innen.
Eine musikalische Fabelserie im Polaris-Multiversum.
Von Michaela.
Wenn du magst, komm ein Stück mit.
Beginn: Februar 2026.
Staffel 1
- Frieden im Unfrieden
- Jackie & der Leopard Episode 1: Neustart
- Jackie & der Leopard Episode 2: Projektion
- Aushaltenkönnen
- Außerepisodisch: Alles ist gut
- Außerepisodisch: Ist wirklich alles gut?
- Jackie & der Leopard Episode 3: Zugeneigt
- Flucht & Neubeginn
- Jackie & der Leopard Episode 4: MERKwürdig
Frieden im Unfrieden
App Polaris, 20.2.26
Liebe Michaela,
heute ist der 20.2.2012 und du hast gerade deine Krebsdiagnose erhalten.
Dir geht es entsprechend.
Und ich freue mich, dass du auf wundersame Weise meine Nachricht erhältst.
Ich bin Michaela aus 2026. Bei mir ist zufällig auch der 20. Februar.
Ich bin gerade dabei, eine kleine Geschichte zu entwickeln.
Die Menschen, die ich um Feedback gebeten habe, fanden die ersten Ansätze nicht so prickelnd.
Ich selbst mag die Geschichte aber sehr gerne. Und weil ich dich ja schon ganz gut kenne, kann ich mir gut vorstellen, dass du sie auch magst.
Und deshalb schenke ich sie dir.
Sie heißt „Jackie & der Leopard“. Und es geht unter anderem um die Fragen:
- Was, wenn Frieden das extremste Abenteuer ist?
- Was, wenn er nicht in der fernen Welt liegt, sondern in unseren Beziehungen – und in uns selbst?
- Und was passiert, wenn auffällt, dass das Blau von Jackies Eisbonbons dasselbe Blau ist wie in den Augen des Leoparden?
Du bist gerade recht aufgewühlt und vielleicht gar nicht so aufnahmefähig – jetzt, da du gerade deine Diagnose erhalten hast.
Aber eine Sache, um die es dir ja auch oft geht, ist das Thema Frieden.
Wie schaffst du es, in einer solchen Situation wie jetzt Frieden zu finden?
Mit dir, mit der Außenwelt, mit dem, was jetzt kommt.
Ich will dir nichts predigen. Ich will nur sagen, ich hab eine kleine Geschichte über den Frieden im Kopf.
Die werde ich in der nächsten Zeit verfassen.
Und du sollst zu den Ersten gehören, die sie lesen.
Ich wünsche mir, dass sie dir ein kleines bisschen hilft in der Zeit, die jetzt vor dir liegt.
Sie wird intensiv – und auch spannend.
Und ja – alles ist gut.
Auch das hier.
Daran wollte ich dich auch noch mal erinnern.
Jackie & der Leopard wird eine Serie über die Haltung im Unfrieden.
Bei jeder Episode wird mindestens ein Lied dabei sein.
Vertrau mir und lass dich darauf ein.
Ein Lied hab ich dir vor einer ganzen Weile geschrieben – es ist so schnulzig geworden, dass ich es so gut wie nie höre.
Aber ich weiß, im jetzigen Moment wird es dich sehr berühren.
Und ich weiß auch schon, dass du aus dem Motto und aus der Emotion heraus etwas damit machen wirst.
Etwas Wunderbares, das dich durch die Zeit trägt, die vor dir liegt.

Ja, es ist kitschig. Und genau deshalb heute richtig.
Wenn du in der nächsten Zeit magst und aufnahmebereit bist, schau doch gerne bei „Jackie & der Leopard“ vorbei und lass die Szenen und Lieder nach und nach auf dich wirken.
Mach’s gut, liebe Michaela.
App Polaris, 20.2.12
Liebe Michaela aus 2026,
gerade bin ich aus der Klinik gekommen.
Der Satz „Sie haben Brustkrebs.“ hallt noch ohrenbetäubend nach.
4 cm großes Ei in der rechten Brust.
Unfassbar. Und gleichzeitig deutlich anfassbar.
Ich war gerade noch im Büro und hab aufgeräumt.
Jetzt sitz ich hier und warte auf meinen lieben Björn.
Aber wenn ich das richtig verstanden habe, kennst du meine, also unsere Geschichte ja schon.
Wobei… dass ich deine Nachricht gelesen habe und dir jetzt antworte, öffnet ja gewissermaßen zwangsläufig eine andere Realität, als die, die du erlebt hast.
Jetzt ist mir doppelt schwindelig.
Und überhaupt – seit wann hab ich eine App namens Polaris auf meinem Handy?
Egal, wenn sie mir Richtung weist, nehm ich sie.
Auch, da ich mich durch die Diagnose gerade fühle, als wäre ich aus der Realität gekippt, ist es praktisch, einen realitätenverbindenen Kanal zur Verfügung zu haben.
Es ist ganz schön schräg – und trotzdem gut, von dir zu hören.
Nochmal für mich zur Einordnung:
Du bist nicht ich.
Und ich bin nicht mehr Du.
Denn ich bin schon nicht mehr, was du zu diesem Zeitpunkt in 2012 warst.
Gerne gehöre ich zu den ersten Lesern deiner Friedensgeschichte.
So wie’s ausschaut, werde ich erstmal nicht arbeiten können.
12-18 Monate, hat der Arzt gesagt, brauche ich für Chemo, OP, Bestrahlung und Reha.
12–18 Monate nicht arbeiten?
Das bin doch nicht ich.
*
Erstaunlich! Deine Nachricht und vor allem dein echt schnulziges Lied – das mich übrigens zu etlichen Tränen gerührt hat – haben mich irgendwie ruhig werden lassen.
Einen ersten Hauch von Frieden im Unfrieden kann ich schon spüren.
Danke dafür, meine liebe Michaela!
Extremes Abenteuer – ja, so kann man es auch bezeichnen.
Mit extrem kann ich mich ja zum Glück gut identifizieren.
Vor der Begegnung mit Björn später hab ich Angst. Die Nachricht wird ihn umhauen.
Ich versuche mal, weiter zu atmen. Vielleicht noch ein paar Tränchen zu lassen.
Schreib mir wieder, liebe … darf ich „Freundin“ sagen?
Ach, ich bin einfach nur verblüfft – von allem. Vielleicht träum ich das alles auch gerade nur und der ganze Tag ist nicht passiert. Wäre das schön? Keine Ahnung…
Liebe Grüße,
Michaela 2012
*
Sie drückt den Senden-Button und schläft erschöpft ein.
*
Michaela aus 2026 legt das Handy nach dem Lesen zur Seite, bereitet noch ihren Workshop für den Folgetag vor und geht – leicht aufgewühlt – ins Bett.
Jackie & der Leopard
Episode 1: Neustart

Im proofen Merch-Shop, Polaris
„Ist Frieden gefährlich, wenn man Intensität liebt?“, überlegt Jackie, während sie den Hoodie mit ihrem eigenen Bild darauf durch die Flügelspitzen gleiten lässt, als würde sie prüfen, ob Stoff auch Erinnerung tragen kann. Der Print ist sauber. Zu sauber. Und trotzdem fühlt es sich an, als hätte jemand ihr innerstes Fotoalbum auf Baumwolle gedruckt.
Sie schiebt den Vorhang zur Seite und tritt in die Umkleidekabine.
Der Spiegel ist groß, milchig gerahmt und mit einem Aufkleber versehen, der aussieht, als wäre er von einem sehr genervten Menschen handschriftlich beschriftet worden:
„Achtung: Verzerrung garantiert.“
„Na super“, murmelt Jackie und hebt eine Augenbraue. Im Spiegel sieht sie aus wie sie selbst – nur minimal anders. Ein bisschen größer. Ein bisschen schmaler. Ein bisschen so, als hätte jemand ihr eine Version von ihr gegeben, die sich schon entschieden hat, dass heute ein guter Tag wird.
Sie zieht den Hoodie über den Kopf. Der Stoff ist schwerer, als sie erwartet. Warm.
Fast frech warm für ein Königspinguinweibchen vom Südpol.
„Sicher ist sicher“, sagt sie zu niemandem und stampft einmal mit ihren grünen Gummistiefeln auf den Boden, als müsste sie sich selbst bestätigen, dass sie noch da ist.
In der Kabine nebenan raschelt es. Ein Reißverschluss surrt. Es folgt ein Geräusch, das Jackie nur als selbstbewusstes Umziehen beschreiben kann. Und dann eine schnurrende Stimme.
„Das hier ist keine Jacke.“
Jackie blinzelt.
„Sondern?“, fragt sie in den Spiegel hinein, bevor sie nachdenken kann.
„Eine Haltung“, sagt die Stimme. „Eine Art vibrierender Panzer aus Vergangenheit.“
Jackie stellt sich an die Kabinentrennwand.
„Aha.“
„Vintage“, fährt die Stimme fort, „ist ja im Grunde geronnene Zeit. Und geronnene Zeit ist …“
„… bitter-süß?“, bietet Jackie trocken an.
Es entsteht eine Pause. Dann ein kurzes, überraschtes Lachen.
Ein weiterer Reißverschluss. Ein schwerer Schritt. Und plötzlich steht er vor ihr.
Der Leopard.
Muster: Rosetten. Selbstverständlichkeit. Präsenz.
Er trägt eine leopardische Vintage-Jacke, die so tut, als wäre sie schon bei der Erleuchtung gewesen, aber rechtzeitig wieder umgedreht, weil es am Ausgang keine Spiegel mehr gab.
„Jackie!“, sagt er voller Begeisterung.
Sie erstarrt kurz. Nicht aus Angst. Sondern wegen dieses Kribbelns.
„Wir kennen uns?“, fragt sie.
„Nicht persönlich“, sagt er. „Aber ich kenne dein Feld.“
„Mein was?“
„Dein Feld. Du warst im Bu**i-Proof-Kosmos.“
Etwas in ihr vibriert leise. Kein Schmerz. Eher eine Erinnerung.
Doch – ein Schmerz.
„War ich“, bestätigt sie.
„Und ich“, verkündet der Leopard „ich war das proofe Krafttier.“
„Du sagst das so, als wäre das ein Jobtitel.“
„Ist es auch“, schnurrt er zufrieden.
In Jackies rechtem Flügel ist plötzlich ein Eisbonbon. Sie weiß nicht, wann sie es aus der Tüte genommen hat. Sie steckt es in den Schnabel.
Der Leopard lächelt langsam.
„Dich werde ich mir merken“, sagt er. „Du bist merk—würdig.“
Jackie starrt ihn an.
Und dann passiert es.
Ein warmes, tiefes Bauchsummen.
„Oh“, sagt sie leise.
„Was?“
„Nichts. Ich …“
„Du summst“, sagt er.
„Ich summe nicht.“
„Doch. Innen. Dein Bauch summt.“
Sie blinzelt. Das Eisbonbon ist fast weg. Klebrig am Ende.
„Du bist wirklich …“, beginnt er.
Jackie hebt warnend die Hand.
„… wahrhaftig ein merkwürdiges Wesen“, beendet er sanft.
Jackie lacht. Echt.
„Danke. Das nehme ich als Kompliment.“
„Ist es.“
Er sieht sie einen Moment einfach nur an.
„Warum bist du hier?“, fragt er dann.
Jackie sieht an sich herunter. Hoodie. Ihr eigenes Bild. Gummistiefel.
„Ich wollte ein kleines Stück Proofheit wieder spüren“, sagt sie leise. „So etwas wie Frieden.“
Der Leopard nickt.
Jackie atmet ein.
„Frieden… ist Frieden nicht gefährlich, wenn man Intensität liebt – so wie ich?“
Er grinst.
„Was, wenn Frieden das extremste Abenteuer ist?“
Der Satz bleibt zwischen ihnen stehen.
„Das klingt schräg“, sagt Jackie leise.
„Ich weiß“, sagt er. „Deshalb ist es gut.“
Sie lacht wieder. Und diesmal mit etwas Gänsehaut.
„Gehen wir gemeinsam auf Abenteuerreise?“, fragt sie, halb ernst, halb elektrisiert.
Der Leopard setzt sich neben sie.
„Frieden als Ziel. Frieden als Weg. Extrem abenteuerlich. Abgemacht.“
„Dann treffen wir uns wieder.“ stellt Jackie fest.
„Wo?“ fragt der Leopard.
Sie sieht in den Spiegel. „Achtung: Verzerrung garantiert.“
„Da, wo Frieden am wenigsten logisch ist“, sagt sie. „Und am nötigsten.“
Der Leopard schnurrt.
Und um 14:08 Uhr gehen in Polaris unerwartet alle Straßenlaternen gleichzeitig an.
Jackie & der Leopard
Episode 2: Projektion

Bibliothek für Verlorenes & Verlegtes, Polaris
„Du leuchtest gerade so hell, dass ich mich selbst kaum erkenne.“
Jackie sagt es, als würden sie zwischen zwei Regalen über das Wetter reden.
Tun sie nicht.
Die Bibliothek für Verlorenes & Verlegtes ist öffentlich. Jeder darf rein. Jeder darf stöbern.
Niemand darf so tun, als gehöre ihm alles, was er findet.
Dreizehn Stockwerke. Kein siebtes.
Die Wände sind jeweils zweifarbig gestrichen: eisbonbonblau und leopardengelb.
Staub liegt in der Luft. Und ein Hauch von kaltem Metall, als wären hier Dinge gelandet, die zu viel erlebt haben.
Jetzt stehen sie im Treppenhaus. Spiegel hängen an der Decke.
Nicht aus Eitelkeit.
Eher wie eine sanfte Warnung: Du nimmst dich immer mit.
Der Leopard schnurrt. Ein bisschen zu laut.
Das Geräusch hallt zwischen Metallgeländern und Beton.
„Das war kein Kompliment“, sagt Jackie.
„Doch“, sagt er ruhig. „Nur eins mit Risiko.“
Sie steigen.
Auf Etage drei liegt eine verlorene Schneekugel.
Auf fünf ein einzelner Handschuh, mit dem beide nichts anfangen können.
Auf sechs ein Notizbuch mit leerem Inhalt.
Sie überspringen sieben. Es gibt sie nicht.
„Warum keine Sieben?“, fragt Jackie.
„Polaris mag keine bequemen Zwischenräume“, sagt er. „Ganz oder gar nicht. Proof.“
Ihr Bauch summt. Warm. Stabil. Verräterisch friedlich.
Sie zieht ein Eisbonbon aus der Tasche.
Steckt es in den Schnabel. Lutscht langsamer als sonst.
Als würde sie prüfen, ob sie es wirklich braucht.
Auf Etage neun greifen sie gleichzeitig nach einer alten Audiokassette.
Aufschrift: „Eiszeit“
Ihr Flügel berührt seine Pfote. Kurz.
„Das gehört mir“, sagt Jackie leise.
Sie dreht die Kassette um. „Das ist ein Lied aus meiner Bu**i-Proof-Zeit.“
Er nickt. „Sehnsucht nach Frieden im Außen.“
Sie sieht ihn an. „Du kennst es.“
„Ich hab euch damals begleitet“, sagt er trocken.
„Als spirituelles Krafttier. Natürlich kenne ich es.“
Das Schnurren wird wieder etwas zu laut.
Jackie streicht über das Plastikgehäuse. „Ich hab damals geglaubt, Frieden ist ein Ort. Eine Temperatur. Eine Landschaft. Wenn ich nur weit genug gehe, weit genug reise, weit genug funktioniere… dann wird es ruhig.“
„Und?“
„Es wurde nur anders laut.“
Er lächelt nicht. Er schnurrt.
„Ich hab das Gefühl, dass ich bei dir laut und leise sein darf“, sagt er plötzlich.
Nicht groß. Nicht pathetisch. Einfach wahr.
Das ist der gefährliche Moment.
Jackies Bauch summt stärker.
Spirituelle Größe. Selbstbewusstsein. Ein Wesen, das einfach da ist.
In ihr entsteht dieser süße, falsche Gedanke:
Wenn ich so wäre, müsste ich nichts mehr suchen.
Sie hasst den Gedanken, weil er sich wie Erlösung anfühlt.
„Du projizierst“, sagt sie ruhig.
„Du auch“, sagt er.
Stille zwischen den Regalen. Staub tanzt im leopardengelben Licht.
„Frieden ist Bauchsummen“, sagt sie.
Er nickt. „Frieden ist leises Schnurren.“
Sie gehen weiter nach oben, mit der Kassette in der Hand.
Auf dem Dach der Bibliothek steht eine abgerundete Leseliege aus altem Holz. Halb Kreis. Halb Zuflucht.
Um 14:12 Uhr gehen alle Leselampen gleichzeitig an.
Kein Flackern. Kein Zögern. Polaris entscheidet sich immer ganz. Nie halb.
Jackie setzt sich. Der Leopard legt sich quer über die Holzkurve, als wäre sie Bühne und Nest zugleich.
„Willst du es hören?“, fragt sie.
„Jedes Lied trifft anders“, sagt er. „Man steigt nicht zweimal in denselben Fluss.“
„Heraklit“, sagt sie. „Panta rhei.“
Sie lächelt. „Ebenso hört man nicht zweimal auf dieselbe Weise dasselbe Licht.“
Er hebt eine Braue. „Das klingt nach dir.“
Sie atmet ein und setzt zum Gesang an.

Der Wind ist kühl. Das Metallgeländer atmet Kälte.
Als sie endet, ist es nicht sentimental. Es ist klar.
Er liegt da. Still.
Schnurrt nicht.
Dann vibriert sein Handy.
Er runzelt die Stirn.
Auf dem Display erscheint:
POLARIS V.2.0
Nachricht von: Michaela 2012
„Frieden ist Aushaltenkönnen.“
Das Schnurren setzt wieder ein.
Zu laut.
Jackie schaut auf das Display.
Dann auf ihn.
„Ist das dein Draht zum Universum?“
Er schluckt kaum merklich.
„Ja.“
„Und?“
Er sieht wieder auf die Nachricht.
Seine Pfote liegt noch auf der Kassette.
„Ich glaube“, sagt er langsam, „das Multiversum hat gerade nicht nur mich gemeint.“
Sein Schnurren bricht ab.
Und zum ersten Mal seit sie sich begegnet sind, ist es nicht seine Lautstärke, die den Raum füllt.
Sondern die Frage, wem von beiden diese Nachricht mehr gehört.
Aushaltenkönnen
App Polaris, 20.2.26 | ID *44012357 an ID *30000169
Liebe Michaela,
bei mir ist immer noch heute – also der 20.2.26. Ich hab mal in meiner Polaris-App einen neuen Chat geöffnet – und zwar zu dir, liebe Michaela, am 31.12.2012. Erinnerst du dich noch an meine Kontaktaufnahme an deinem Diagnosetag im Februar?
Meine App zeigt für mich ID *44012357 an und für dich ID *30000169.
Witzig – ich dachte kurz, ich müsste ID 1 sein oder so. Da ich ja die erste bin, die Kontakt aufgenommen hat. Dieser mein Größenwahn mal wieder…
Unter „Einstellungen“ steht:
„Polaris ist eine der meistgenutzten realitätenverbindenden Apps.“
Offenbar nutze ich Version 1.0.
Größenwahn also unangebracht.
Ok, ich bin mir – jetzt nach kurzem innehalten – durchaus bewusst, dass ich nicht die ID 1 bin, sondern nur eins von unendlich vielen Fädchen in einem wunderschönen Netz.
Unsichtbar. Verbindend.
Ein Netz der multipolaren Gleichzeitigkeit.
Zahlen können in die Irre führen.
Und trotzdem geben sie uns Identität.
Also, liebe Michaela ID *30000169, die ich dich im Februar 2012 erreicht habe! Als ich meine zweite Episode von „Jackie & der Leopard“ geschrieben habe, hab ich gemerkt, dass du tatsächlich einen Weg gefunden hast, direkt mit dem Leoparden zu kommunizieren. Ich muss unbedingt auch ein Update auf Polaris V.2.0 machen, um auch mit Nicht-Michaelas in Kontakt treten zu können.
Wobei… Eile besteht da ja mal wirklich nicht.
Ich könnte vielleicht einen Faden verlieren. Aber der Faden geht nicht verloren.
„Frieden ist Aushaltenkönnen.“
Dein Satz hat gesessen.
Beim Leoparden. Und bei der eisbonbonsüchtigen Jackie.
Ach ja, was hast du nicht alles in 2012 ausgehalten. Heute machst du deinen Rückblick.
In nur 10 Monaten hast du das Krebsthema optimistisch durchgezogen – also wenn dich meine Kontaktaufnahme nicht völlig anders geleitet hat. Und im Januar willst du wieder arbeiten gehen.
Das Jahr war voller Situationen, in denen du dein Aushaltenkönnen üben konntest.
Nicht nur die eigene Krebstherapie – auch die Situation an Ostern, als die Mama im Krankenhaus war mit ihrer Hirnhautentzündung und die Ärztin gemeint hat, sie hätte eine 50-50-Chance die Nacht zu überleben und dass du aber nicht zu ihr dürftest, weil du ja gerade Krebs hast.
Oder der Papa.
In meiner – unserer – OP-Woche bekommt er selbst eine Darmkrebsdiagnose.
Dienstag seine OP.
Freitag meine.
Auf wundersame Weise ist alles gut gegangen.
Gut, dass wir in unserer Familie so unbesorgt unterwegs sind.
„Mehr als nötig leidet, wer leidet, bevor es nötig ist.“
Dieses Seneca-Zitat gefällt mir besonders gut.
So, jetzt mach ja ich irgendwie den 2012-Rückblick. Erzähl mir doch mal, wie es dir ergangen ist und was dich gerade so bewegt, liebe Michaela!
PS: Natürlich, kannst du mich gerne „Freundin“ nennen.
PPS: 2013 hältst du auch aus.
App Polaris, 31.12.12 | ID *30000169 an ID *44012357
Liebe Freundin,
da ist ja unser Chat wieder! Und die Polaris-App ist auch wieder sichtbar. Jetzt erinnere ich mich wieder! Ich kann sehen, was wir im Februar geschrieben hatten. Warum hast du dich denn gar nicht mehr zwischendurch gemeldet?
Vermutlich hatte ich das alles durch Schlaf und Schock und so vergessen. Wobei… nicht ganz.
Denn an einem Tag im März hatte ich plötzlich unter der Dusche die Idee mit dem Glückspilzchen-Projekt und dem „Du bist nicht allein! Du schaffst das!“-Motto.
Danke für das schnulzige Lied!
Das Projekt hat mir richtig Kraft gegeben. Mit Texten und Fotobasteleien hab ich das Erlebte und meine Sorgen (ja, die hatte ich auch immer mal zwischendurch) bearbeitet.
Auf meiner Facebook-Seite hab ich ca. 800 Fans und bekomme immer mal wieder liebe Nachrichten. Dann bin ich noch in zwei Selbsthilfegruppen auf Facebook, das hat total geholfen!
Und einige echt liebe Busenfreundinnen hab ich auch gewonnen.
Viel Energie hat mir der Brustkrebslauf in Köln gegeben.
Ach ja, und ich bin auch stolz auf meine Spendenaktion für die Deutsche Krebshilfe.
Da ist ordentlich was zusammengekommen.
Zufälligerweise hat mein Arbeitgeber Lidl die Weihnachtsspendenaktion dieses Jahr ebenfalls der Deutschen Krebshilfe gewidmet – 400.000 Euro waren da geplant.
Da ich ja etwas zu Größenwahn neige – das ist wohl das Leopardische in mir – bilde ich mir ein, dass das ein bisschen auch wegen mir war.
Insgesamt war es ein echt abenteuerliches Jahr, das ich nicht missen möchte!
Und ja, ich bin stolz auf alles, was ich so ausgehalten und geschafft habe.
Und auch darauf, dass es sich oft gar nicht wie „aushalten“ angefühlt hat. Eher wie lebendig.
Ich bin so unheimlich dankbar für die lieben Menschen, die mich begleitet haben.
Vor allem für meinen lieben Björn, der alles tapfer mit durchgestanden hat und mir so eine großartige Unterstützung war.
Ein großes Geschenk war für mich, dass mir das Buch „Wieder gesund werden“ von Carl Simonton über Visualisierungsmeditationen zugeflogen kam. Es war ein Buchtipp in der Zeitschrift MammaMia, die in der pinken Krebsbegrüßungstasche aus dem Brustzentrum zusammen mit ganz viel Infomaterialien schlummerte.
Die Krebszellen wegvisualisieren und damit aktiv die Selbstheilungskräfte aktivieren – das klang super für mich, hab ich mir direkt bestellt und in der ersten 4-stündigen Chemo-Sitzung angefangen zu lesen. Und seitdem hab ich mehrmals am Tag die 30-minütige angeleitete Visualisierungsmeditation durchgeführt. Erst Entspannung, dann den Krebs visualisierenderweise schrumpfen lassen.
Ich hab mir vorgestellt, wie Chemo und Immunsystem zusammenarbeiten.
Als Herr-der-Ringe-Fan war ich Frodo.
Die Krebszellen waren Orks.
Und irgendwo sprachen Gandalf und Elrond über mich.
Was war sonst noch so? Sicherheitshalber hatte ich doch mal meine Beerdigung durchgeplant.
Und ich hab ganz schön viel nachgedacht, Biographiearbeit gemacht und mein Leben gedanklich neu strukturiert.
In den vergangenen Jahren hab ich deutlich zu viel gearbeitet – 70–80 Stunden pro Woche.
Kurz nach der Diagnose musste ich mich erstmal neu aufstellen – und dafür hab ich mir meine 4+1 Säulen der Heilung ausgedacht, nämlich body, home, soul, work + time.
Ich habe jede Säule geprüft:
Wie ist es?
Wie will ich es?
Was ändere ich?
Die Struktur zieht sich inzwischen durch mein ganzes Leben.
Notebook. Ordner. Apps.
Vierbuchstabige Worte.
Balance durch „time“.
Bei meiner Rückkehr in die Arbeitswelt nächsten Monat möchte ich alles daransetzen, diese Balance zwischen den Lebensbereichen aufrechtzuerhalten. Ich möchte nicht wieder in alte Workaholic-Verhaltensmuster verfallen.
Ich möchte es aushalten,
nicht alles an mich zu ziehen,
nicht alles zu retten,
nicht alles fertig zu machen.
Frieden ist Aushaltenkönnen.
Auch von Lücken.
Gleichzeitig möchte ich zeigen, dass mich der Krebs nicht schwach gemacht hat.
Ich will zeigen, dass ich den Krebs besiegt hab.
Wieder richtig stark im Arbeitsleben.
Wirksam.
*
Wenn ich das alles so betrachte, kann ich gut sagen:
Die Brustkrebsdiagnose war in meinem Fall ein echter Glücksfall.
Ach ja, zu „Jackie & der Leopard“: das hab ich tatsächlich auch komplett gelesen – eine wirklich berührende, liebevolle und proofe Geschichte über die Haltung im Unfrieden. Ob du sie überhaupt schon fertig geschrieben hast, wenn du das liest? Ich weiß gar nicht mehr genau, wie ich auf sie gekommen bin… ich glaube, das war ein Link auf Facebook von irgendjemandem. Hast du damit was zu tun oder eine andere Version von uns? Von mir kam die Nachricht an den Leoparden jedenfalls nicht. Ach, ist das spannend. Da kann einem echt schwindelig werden.
Gut, dass ich nicht alles wissen muss, auch wenn mich die Frage nach dem „Woher?“ ja schon immer mal wieder umtreibt.
Was meinst du mit „2013 hältst du auch aus.“?
Wolltest du mich vor irgendwas warnen und hast es dir dann doch anders überlegt?
Ach, wer weiß, inwieweit ich auf Warnungen überhaupt eingehen würde.
Es wird schon alles für was gut sein.
Mal sehen, ob ich mich an diesen Austausch nun erinnere oder ob sich die Polaris-App wieder verflüchtigt. Ich versuch zur Sicherheit mal nicht zu schnell einzuschlafen.
Jetzt feier ich erstmal Silvester und den Abschluss eines krassen Jahres.
Mach’s gut, liebe Freundin!
Dein Glückspilzchen Michaela aus 2012
Außerepisodisch: Alles ist gut
App Polaris, zeitlos | ID * 99999131 an ID *30000169
Liebe Michaela,
deine Nachricht hat mich erreicht.
Und Jackie auch.
Dein Kanal war offen.
Also sende ich dir ein Lied.
Für dein verrücktes Jahr 2013.

Mustergültige Grüße
Der Leopard
PS: Auch Jackie lässt grüßen.
App Polaris, 1.1.2013 | ID *30000169 an ID *99999131
Lieber Leopard,
ach, dann hab ja doch ich dir die Nachricht geschrieben.
Seh unseren Chat gerade hier in der App.
Kann mich zwar nicht erinnern, aber mich wundert nichts mehr.
Danke für dein Lied!
Scheint ja ein schweres Jahr für mich zu werden.
Es tut gut, auch dich irgendwie in meiner Nähe zu spüren.
Danke, dass du dich um mich sorgst.
Dann brauch ich das ja nicht mehr machen.
Viele liebe Grüße
Glückspilzchen Michaela
Außerepisodisch: Ist wirklich alles gut?
App Polaris flackert. Verschwindet. | ID *99999131 bleibt allein.
Der Leopard spricht in seine linke Pfote statt in sein Handy zu tippen:
Liebes Multiversum,
ist wirklich alles gut?
Jetzt, da ich Michaela sehr schwammig vor ihrem Jahr 2013 gewarnt habe, bin ich selbst etwas verunsichert.
Bilde ich mir das alles nur ein? Ist das wirklich wahr mit der Polaris-App?
Jetzt seh ich sie ja gerade nicht.
So ein Verbindungsverlust wirft mich immer etwas aus der Bahn, das weißt du ja.
Und wenn ich Jackie was von unzähligen Realitäten erzähle, schüttelt sie vielleicht nur müde ihre Gummistiefel.
Wobei – vermutlich greift sie einfach nach einem weiteren Eisbonbon.
Das hat für sie leider stets oberste Priorität.
Egal, zurück zu mir. Bin ich ver-rückt? Also zu weit aus meiner Realität gerückt?
Ich glaube mir, dass es die Polaris-App gibt und dass ich darüber mit Michaela kommuniziert habe. Und nicht nur mit ihr.
Ach ja, hat Jackie die erste kurze Nachricht von Michaela nicht auch gelesen? Sie könnte mir bestätigen, dass es die Polaris-App tatsächlich gibt. Feedback ist ja bekanntermaßen mein Futter.
Oje, ich bin mir gerade gar nicht mehr sicher, was ich ihr erzählen kann und wann sie mich für völlig übergeschnappt hält. Ich will sie ja auch nicht verunsichern. Und ich will auch nicht, dass sie Angst vor mir bekommt.
Atmen, erden. Ich glaub, ich sing mir mal lieber ein Erdungslied.
Mich sperrt so schnell niemand weg.
Ich bin ein zahmer Leopard.
Hat keiner was zu befürchten.
Und überhaupt: ich werde einfach niemanden von der Polaris-App überzeugen.
Mein Schnurren klingt heute nicht wie Frieden.
Zeit für das Erdungslied. Das sing ich jetzt bis ich müde werde und einschlafe.
Gute Nacht!
Der Leopard

App Polaris, 22.2.26 | ID *44012357 an ID *99999131
Lieber Leopard,
will dir nur schnell ein Feedback hinterlassen, bevor ich schlafen gehe:
Danke, dass du Michaela auf 2013 vorbereitet hast – ich hab’s gelesen, während ich das hier alles schreibe.
Klingt schräg.
Ist es auch.
Und schön, wie du dich selbst zu erden versuchst.
Ich mag deine beiden Lieder.
Ich kann viel von dir lernen.
Schlaf gut!
Michaela 2026
Jackie & der Leopard
Episode 3: Zugeneigt
Verlassener Ski-Lift, Polaris.
Warmer Sommertag. Unten Wiese. Oben Schnee.
„Warum fährt der nicht?“, fragt Jackie und stößt mit dem Flügel gegen die Metallstange.
Der Lift hängt reglos zwischen Tal und Gipfel, als hätte er beschlossen, heute nichts mehr beweisen zu müssen.
Der Leopard sitzt bereits auf dem wackligen Sitzbrett und grinst.
„Vielleicht wartet er auf Zustimmung.“
„Von wem?“
„Na, von der Polaris-App.“
Jackie verdreht die Augen.
„Oder vom Techniker.“
Er lacht.
Sie lacht.
Der Lift ruckt an.
Beide verstummen.
Der Lift bleibt stehen.
Langsame Blicke.
Er lacht wieder.
Sie lacht mit.
Der Lift setzt sich erneut in Bewegung.
„Synchronität“, sagt er zufrieden.
„Quatsch“, sagt sie. „Das ist Zufall.“
Er hört auf zu lachen.
Der Lift stoppt.
Jackie starrt ihn an.
„Okay“, sagt sie ruhig. „Das ist nicht lustig.“
Er lacht wieder, diesmal übertrieben.
Sie prustet los.
Der Lift fährt weiter.
Und so lernen sie:
Der Lift fährt nur, wenn beide lachen.
Der Lift steigt höher. Unter ihnen wird das Grün kleiner. Über ihnen wird die Luft klarer.
Oben liegt tatsächlich Schnee. Mitten im Sommer. Polaris diskutiert nicht.
Jackie springt ab und stapft in den weißen Teppich.
„Schnee!“ ruft sie, als hätte sie ihn erfunden.
Sie wirft sich rücklings hinein und bewegt Flügel und Füße. Ein Schnee-Engel entsteht. Grün gestiefelt. Etwas schief. Voller Hingabe.
Der Leopard bleibt am Rand stehen.
Von oben betrachtet sieht sie tatsächlich aus wie ein spirituelles Flügelwesen.
Er sagt nichts.
Und das ist ungewöhnlich.
Dann setzt er sich neben sie.
„Ich hab eine Idee“, sagt er plötzlich.
Kein normaler Satz. Es ist ein Zündfunke.
Jackie richtet sich auf.
„Oh oh.“
„Wir machen es öffentlich.“
„Was genau?“
„Frieden.“
Sie lacht.
„Wie verkauft man den? In Gläsern?“
„Nicht verkaufen. Verbreiten. Ein Kanal. ‚Jackie & der Leopard‘. Jede Woche ein Impuls. ‚Frieden ist …‘. Geschichten. Lieder. Praxis.“
Jackies Bauch beginnt zu summen. Warm. Echt. Südpol-warm.
„Wenn dadurch acht Wesen ruhiger schlafen“, sagt sie langsam, „reicht mir das.“
Er nickt.
Und schüttelt dann den Kopf.
„Acht?“
„Ja.“
„Warum nicht acht Milliarden?“
„Weil ich nicht größenwahnsinnig bin.“
Er steht auf, geht im Schnee auf und ab.
Seine Pfoten hinterlassen klare Spuren.
„Hör zu. Wenn Wesen verstehen, dass alles gleichzeitig existiert – dass nichts verloren geht – dass jedes Erleben nur eine Variante ist – dann entspannen sie sich.“
„Oder sie drehen durch“, sagt Jackie trocken.
„Nein! Sie erkennen, dass sie nichts verpassen. Dass alles möglich ist. Das Wissen um das Multiversum fördert inneren Frieden.“
Jackie zieht ein Eisbonbon aus der Tasche.
Steckt es in den Schnabel.
Lutscht langsam.
„Ein Universum reicht“, sagt sie.
„Vielleicht“, sagt er.
Seine Augen leuchten. Eisbonbonblau.
Er setzt sich wieder neben Jackie. Begeisterung knistert in seinem Fell.
„Ab Polaris-App Version 8.0 ist Avatar-Reisen möglich.“
Sie sieht ihn an.
„Du hast aktuell Version 4.0.“
„Noch“, sagt er leise. „Aber ein anderes Ich hat mir verraten, was kommt.“
„Natürlich.“
„Stell dir vor: Ich schlüpfe in einer anderen Realität in einen beliebigen Avatar. Ich verbreite unsere Botschaften direkt dort. Nicht nur per Nachricht. Als Präsenz.“
Jackie kaut gedankenverloren.
„Und ich?“
„Du bleibst hier. Du erdest es. Wir posten in diesem Universum. Erfahrungsberichte. Kontaktberichte. ‚Frieden ist …‘-Reihe. Wie gesagt.“
Sie lächelt.
„Kein Multiversums-Overkill am Anfang.“
„Ein Universum reicht?“, wiederholt er fragend. Diesmal mit einem Hauch Respekt.
„Vielleicht“, sagt sie.
Eine Pause.
„A propos erden.“
Sie zückt einen kleinen Block. Reißt mehrere Zettel ab.
„Ich mach ja nicht mit jedem so ein Projekt“, schmunzelt sie.
„Lass dich mal besser kennenlernen…“, murmelt sie, während sie die Zettel beschreibt.
Dann liest sie einen nach dem anderen vor:
„Lieblingsfarbe?“
„Leopardengelb.“
„Klar.“
„Glaubst du an Engel?“
„Klar.“
„Was wäre Frieden ohne Publikum?“
Er richtet sich ein Stück auf.
„Ohne Publikum ist alles nichts. Auch der Frieden.“
Jackie blinzelt.
„Wem willst du beweisen, dass du außergewöhnlich bist?“
Er antwortet schneller, als er denkt.
„Papa. … und dir.“
Stille.
Sie schaut ihn an.
Zu lange.
Dieses Blau.
Noch ein Zettel. Sie zögert kurz. Dann reicht sie ihn zu ihm rüber:
„Willst du mit mir gehen?“ Mit Feldern zum Ankreuzen. Ja. Nein. Vielleicht.
Er liest.
Lächelt.
Steckt ihn ein.
„Da muss ich in Ruhe drüber nachdenken.“
Sie lacht. Ein bisschen zu laut.
Hinter ihnen knarrt der Lift leise im Wind.
Der Leopard beginnt zu sprudeln.
Podcast-Avatar-Reisen-Friedens-Index-blau-gelbe-Bewegung-fast-sektenfähig—
„Wenn wir es richtig machen“, sagt er, „können wir alles erreichen.“
Sie beobachtet ihn.
Dieses Strahlen.
Diese Geschwindigkeit.
„Ich will nicht alles“, sagt sie leise.
Er hört sie nicht.
Sie lutscht ihr mittlerweile viertes Eisbonbon zu Ende. Ohne es bemerkt zu haben.
Der Schnee um sie herum beginnt minimal zu schmelzen.
„Frieden fühlt sich leicht an“, sagt sie.
„Euphorie auch“, sagt er.
Sie setzen sich wieder in den Lift.
Beide lachen.
Der Lift fährt.
Höher als zuvor.
Unter ihnen verschwindet die Wiese.
Über ihnen wird die Luft dünner.
Sie schaut ihn an.
Er schaut nach oben.
Der Lift wird schneller.
Sie lachen noch.
Aber diesmal hört sie zuerst auf.
Der Lift zuckt.
Und fährt weiter. Als hätte er seine eigene Idee.
*
Später, auf dem Nachhauseweg, stapft Jackie allein durch das schmelzende Gras unterhalb der Schneelinie.
Die grünen Gummistiefel machen leise Schmatzgeräusche.
Sie merkt erst nach ein paar Takten, dass sie singt.
Nicht für ihn.
Nicht für ein Publikum.
Einfach so.
Erst summt sie.
Dann wird es lauter.
„Wir sitzen zwischen Wiese und Schnee …
Sommer im Tal, Sommer in mir …“
Sie bleibt kurz stehen, schaut in den Himmel von Polaris –
und grinst.
„Frieden fühlt sich leicht an …“
Diesmal sagt sie es laut.

Und sie grinst noch immer.
Flucht & Neubeginn
App Polaris, 8.9.15 | ID *30000169 an ID *44012357
Hi liebe Freundin!
Meine App ist gerade aufgeploppt und da dachte ich, ich melde mich mal kurz.
Wie schaut’s aus in 2026?
Bei mir ist heute der 8.9.15.
Ich schreib dir mal rüber in den 27.2.26.
Ich komm gerade zurück von meinem ersten Sprachkurs für sieben junge Flüchtlinge aus Eritrea und bin total geflasht. Es fühlt sich einfach soooo richtig an.
Zwei sprechen ein bisschen Englisch.
Die anderen kein Wort Englisch, kein Wort Deutsch.
So haben wir uns heute erstmal angefreundet und „Hallo“ und einen ordentlich festen Händedruck geübt.
Bisher war 2015 ein nahezu langweiliges Jahr. Also im Sinne von dramafrei.
Und ein wenig Drama mag ich ja doch irgendwie.
Gut, nicht so viel wie in den Jahren zuvor.
2012: Krebstherapie
2013: Psychiatrieaufenthalt, Jobverlust & erneute Identitätsfindung
2014: Psychiatrieaufenthalt in Ecuador nach abgebrochener Galapagos-Hochzeitsreise
Das waren wirklich krasse Ereignisse. Gut, dass ich sie dir nicht detailliert beschreiben brauche.
Deine Geschichte „Jackie & der Leopard“ hat mir dabei echt gut geholfen.
Frieden im Unfrieden zu spüren, ist mir nicht immer, aber doch sehr oft gelungen.
Insbesondere das Lied „Alles ist gut“ vom Leoparden.
Und „Im Käfig gelassen“ und „Gelassen im Käfig“ – die sind echt mega-stark.
Wenn’s richtig krass wurde, habe ich in Anlehnung daran immer „Probier’s mal mit Gemütlichkeit“ aus dem Dschungelbuch gesungen.
Ach, Moment mal. Vielleicht kennst du die beiden Käfig-Lieder ja noch gar nicht.
Die kommen ja erst in Episode 11 von „Jackie und der Leopard“.
Vielleicht hast du sie ja noch gar nicht komponiert?!
Eine Frage bewegt mich heute besonders: Warum ist Jackie eigentlich vom Südpol weg?
Liebe Grüße
Deine Freundin Michaela – mittlerweile aus 2015
App Polaris, 27.2.26 | ID *44012357 an ID *30000169
Hallo liebe Michaela,
bitte lies diese Nachricht nur, wenn du auch in guter Verfassung bist und Zeit für dich hast.
Sie ist etwas länger und intensiver geworden.
*
Es freut mich sehr zu hören, dass du die beiden Käfig-Lieder so hilfreich findest.
Sie sind noch nicht veröffentlicht, aber produziert hab ich sie schon.
*
Ich glaube übrigens nicht, dass die Polaris-App heute zufällig bei dir aufgeploppt ist – heute, da du die Jungs kennengelernt hast!
Ja, die Zeit mit den Jungs war einfach wunderschön! Das hat mir soviel gegeben und ihnen auch.
Du hast noch eine tolle Zeit mit ihnen vor dir! Integration dauert schon ein paar Jahre.
Selbst heute freuen wir uns total, wenn wir uns mal in Wuppertal über den Weg laufen.
Vor kurzem hab ich ihnen ein Lied geschrieben.
Ich denke, das kannst du dir mal ganz unverfänglich anhören:

Zu deiner anderen Frage – warum Jackie vom Südpol weg ist …
Ja, das ist eine traurige und zugleich mutig-entschlossene Pinguin-Geschichte.
Es ist eine Geschichte und gleichzeitig doch nicht nur eine Geschichte.
Ich schreib einfach mal, was in Jackies Realität geschah:
Südpol – Entscheidung
Jackie wusste schon lange, dass der Südpol kein Ort für Träume ist, sondern ein Über-Lebensraum – für Kaiser-Pinguine und all das, wovon sie abhängig sind.
Das Eis unter ihren Füßen wurde dünner. Nicht nur im Gefühl.
Sie spürte die Gefahr. Unverschämt deutlich.
Dann kam der Moment, als Jackie die Gummistiefel überstreifte, den Rucksack mit Eisbonbons füllte und loszog.
Per Anhalter.
Freunde und Familie ließ sie schweren Herzens zurück.
Tief in sich spürte sie, dass die Entscheidung für sie stimmig war.
Von „richtig“ hat sie noch nie viel gehalten.
Später las sie: 2022 war das Eis rekordtief. Kolonien verloren ihre Brut – sichtbar aus dem All.
Jackie atmete schwer.
Frieden ist … Aushaltenkönnen.
Gleichzeitig ist Frieden … zu handeln, wenn ich etwas nicht mehr aushalten will.
Und zwar ohne schlechtes Gewissen. Eine echte Entscheidung für mich.
So haben meine Jungs aus Eritrea ihre Familien verlassen.
So hat Jackie in einer anderen Realität ihre Liebsten zurückgelassen.
Und 2016 begreifen du und ich, dass selbst friedliche Orte nicht immer Heimat bleiben.
Frieden ist auch, Frieden aushalten zu können.
Ich erzähl dir lieber noch, wie es mit Jackie weiterging:
*
Afrika – Hitze ohne Zuhause
Sie war in etlichen Ländern unterwegs.
Nahezu überall: Unruhe. Zu viele Augen. Zu wenig Schlaf.
Schnee? Nichts zu spüren. Nur diese extreme Hitze.
Nein, Afrika fühlte sich nicht nach Ankommen an.
In Europa sei alles viel besser, wurde ihr von allen Seiten zugerufen. Und so schloss sie sich ab Nigeria einer offenbar üblichen Flüchtlingsroute an.
Sie hatte kein Geld, doch sie traf einen lustigen hilfsbereiten Kerl. Er tanzte oft und gut.
Sein Name bedeutet „Gott führt mich“. Das kam ihr vertrauenswürdig vor.
*
Sahara – Nicht fallen
Gemeinsam nahmen sie die Route über Niger, durch die Sahara nach Libyen.
Zwei Wochen auf einem kleinen offenen Transporter durch den Sand. Immer wach bleiben.
Gut festhalten.
Nicht nur einer fiel.
Keiner hielt an.
Wer fällt, versandet.
Sie hielt ihre Augen weit auf und klammerte sich fest.
„Gott führt mich“ tat es ihr gleich.
Dabei hatte er immer ein Auge auf Jackie.
Und wenn nötig hielt er auch sie sicher im Wagen.
Nachts lagen sie im Sand unter dem sternenüberströmten Himmel.
Totmüde taten sie kein Auge zu. Denn das Fahrzeug würde am nächsten Morgen nicht auf sie warten.
Sie wollte nicht versanden. Sie ist ein Schneewesen. Nein, sie ist ein Lebe-wesen.
*
Libyen – Acht Monate Nacht
In Libyen angekommen trafen sie einige junge Männer aus Eritrea.
Gerade erst erwachsen geworden.
Einer darunter sprach gutes Englisch. Er warnte sie, sich nicht fangen zu lassen.
Die sogenannten Flüchtlingscamps seien keine Camps, es seien Gefangenlager.
Er sagte es seltsam ruhig, fast wie auswendig gelernt:
„Was in den Lagern geschah, lässt Körper frieren, obwohl es heiß ist.
Und manches kann man nicht erzählen, ohne sich selbst zu verlieren.“
Er sprach von Schüssen. Und davon, dass Frauen dort nicht sicher waren.
Mehr sagte er nicht.
Sie alle zitterten am ganzen Körper, während er sprach.
„Wir haben es rausgeschafft. Unsere Familien haben viel Geld bezahlt, damit wir freigelassen wurden und nun sind wir gerade auf dem Weg zum Boot.“
Tja, das kostet. Und „Gott führt mich“ hat bereits sein ganzes Geld für sich und Jackie für die Sahara-Durchquerung und Jackies Eisbonbons ausgegeben.
So blieben sie acht Monate in Libyen.
Nachts hörten sie Schüsse und Bomben.
Jeder dachte an seine Familie.
Er betete.
Frieden ist … Aushaltenkönnen.
Sie erinnerten sich gegenseitig:
Es war meine eigene Wahl.
Ich hab mich für das Leben entschieden.
Tagsüber arbeiteten sie in einer Autowaschanlage in Tripolis.
Bis sie schließlich das Geld zusammenhatten und der große Tag gekommen war.
In der Nacht vor dem Aufbruch erklang ein Lied aus dem staubigen Radio.
„God dey guide me o!“, sang jemand mit erstaunlicher Zuversicht.
Er tanzte nicht.
Er betete.
Jackie rückte ein Stück näher.
*
Meer – Zwei Boote
Auf zum Meer.
Zwei Boote waren geplant. Das erste sank noch in Sichtweite im Meer.
Sie sahen zu, wie unzählige Menschen ertranken.
Das zweite Boot – ihr Boot – wurde gefüllt.
Wer zögerte, wurde zum Beispiel gemacht.
Niemand sollte erzählen, was hier passiert.
Der Kompass: kaputt oder falsch verstanden.
Vier Tage und Nächte Meer.
Schon am ersten Tag ging das Wasser aus.
Tränen auf dem Gesicht brennen unter der Mittelmeersonne.
*
Rettung – Stahl am Horizont
Am vierten Tag war die Luft raus.
Wasser trat ein. Sie waren alle ausgemergelt, erschöpft und gleichzeitig voller Todesangst.
Schwimmen konnte keiner.
Wohin auch.
Als er aufstand, dachten die meisten: Der ist im Delirium.
„Ich sterbe heute nicht“, rief er.
Das Boot begann zu wackeln, als er seine Arme in die Luft warf und lautstark zu beten begann.
„Mein Name bedeutet: Gott führt mich. Also wird er das jetzt tun. Seid ruhig. Ich bete für uns.“
Jackie kam aus dem Staunen kaum heraus.
Sie dachte „Was für ein verrückter Optimist. Mit ihm kann ich nicht untergehen.“
Es dauerte nicht lange, und ein asiatisches Frachtschiff rettete sie. Gerade noch rechtzeitig.
Niemand ertrank. Nicht an diesem Tag.
„Gott führt mich“ blieb noch zwei Jahre in Italien, bevor er den Weg nach Deutschland auf sich nahm. Jackie hingegen reiste per Anhalter auf Umwegen weiter.
*
Potsdam – Eisbonbon-Moment
Bei Potsdam sind ihr die Eisbonbons ausgegangen.
Mit einem Schild „Free Ice, please!“ stellte sie sich an den Straßenrand.
Und da geschah es. Zwei etwas verstrahlte Typen – ein Hippie und ein bärtiger Typ in blauem Hoodie – hielten mit ihrem Retro-Kleinbus. Der Hoodie-Typ – Gabriel – reichte ihr unaufgefordert eine Tüte Eisbonbons, die Jackie nahm, als wäre sie ihr letztes bisschen Luft.
Sie stieg ein – und spürte
… Frieden.
Und dann begannen die beiden von ihrer Mission zu erzählen:
Sie waren unterwegs in die Ukraine, um Panzerglas zu bergen, um daraus Displayschutzfolien für Handys zu produzieren. „RE:ARMOR Born in War. Made for Life.“ sei ihr Motto.
„Wir sind Friedenssupporter auf provokative Art und Weise.“ meinte Steffen noch.
Es klang wie ein Slogan. Und gleichzeitig wie ein ernst gemeinter Versuch, etwas Kaputtes zu heilen.
„Merkwürdige Typen“, schmunzelte Jackie.
„Frieden ist meine Mission. Frieden ist meine Superkraft.“, erklärte sie stolz.
Und ab diesem Moment war sie im Team.
Eines ihrer Abenteuer mit Steffen und Gabriel besingt folgendes Lied:

Das ist Jackies Geschichte, die ich mir extra für mich und dich ausgedacht habe.
Aus RE:ARMOR und Bu**i-Proof ist ein intensives, kurzes Kreativprojekt gemeinsam mit meinen Freunden Steffen & Gabriel geworden.
Steffen kennst du ja schon ewig. Gabriel wirst du auch sehr mögen.
Es wird dir bestimmt gefallen, sofern es in deiner Realität auch noch so läuft.
Jetzt wo ich dir schon so viel von Jackie erzählt habe, kannst du ja auch einfach ein Projekt starten, in dem alles, nur kein Pinguin, vorkommt.
Gabriel wird bestimmt eine Alternative finden.
*
Wow, heute habe ich ganz schön viel geschrieben.
Ich weiß, dass du das alles aushalten kannst.
Und dass du den Unterschied kennst:
Du kannst mitfühlen, ohne mitzugehen.
Du musst nicht mitleiden, um da zu sein.
Ich wünsch dir für 2016 alles, alles Gute! Folge deinem Herzen!
Und triff deine Entscheidungen ohne schlechtes Gewissen.
Mit jedem Schritt wählst du eine Realität.
Etliche andere existieren gleichzeitig.
Nichts geht verloren.
Entscheide dich für das, was du fühlen willst.
Proofe Grüße
Michaela aus 2026
App Polaris, 8.9.15 | ID *30000169 an ID *44012357
Wow, Michaela. Die Fluchtgeschichte ist einfach krass. Ich hab nicht geahnt, dass mir dieser Tag eine Geschichte öffnen würde, die größer ist als alles, was ich bisher ausgehalten habe.
Und dass du sie mir jetzt erzählst, zeigt mir, was die Jungs durchgemacht haben. Wie ich dich kenne, steckt da ja sehr viel Wahrheit drin. Nein, die Polaris-App ist vermutlich nicht zufällig heute aufgeploppt.
Ich werde alles geben, damit sie hier in Deutschland wieder richtig auf die Beine kommen.
Warum erzählt Jackie die Geschichte nicht auch dem Leoparden in „Jackie & der Leopard“?
Warum erzählst du sie mir?
App Polaris, 27.2.26 | ID *44012357 an ID *30000169
Ja, sehr viel Wahrheit. Du wirst den Menschen dahinter erst noch kennenlernen.
Ich hab das bewusst nicht in „Jackie & der Leopard“ gepackt, sondern erzähle es lieber selbst.
Jackie erzählt es nicht gern. Es tut weh.
Und sie schützt den Leoparden davor.
Nicht alles muss geteilt werden, damit es wahr ist.
Manche Wahrheiten brauchen ein eigenes Fach.
Ein Lied hab ich noch für dich.
Jackie hat auf ihrer Reise sehr viel Leid gesehen und sie hat viele Menschen getröstet.
Anfangs fiel es ihr noch schwer – sie hat sehr oft Mitleid empfunden.
Nach und nach ist es ihr gelungen, eine Haltung von Mitgefühl zu entwickeln.
Nur für alle Fälle:

Bis demnächst
Deine Freundin Michaela aus 2026
Jackie & der Leopard
Episode 4: MERKwürdig
Maschinenraum am Merkwürdigungsort, Polaris
Polaris hat neuerdings schon immer einen Merkwürdigungsort.
Und zwar im Keller der Bibliothek.
Jackie & der Leopard besuchen ihn gerade zum ersten Mal.
Sie stehen alleine – also zu zweit – im Maschinenraum.
Das sagt zumindest das Schild an der Tür.
„Würdigungsmaschine“ spezifiziert ein weiteres Schild in der Mitte des Raumes.
Eine Maschine sehen die beiden allerdings nicht.
Was sie jedoch sehen, sind etliche Wände mit noch etlicheren feinst verschnörkelten Bilderrahmen in unterschiedlichen Größen und Formen.
„Der hier ist gar nicht verschnörkelt“, stellt Jackie beiläufig fest.
In den mehr oder weniger verschnörkelten Bilderrahmen befindet sich jeweils ein kleiner Zettel mit Notizen über offenbar merk-würdige Momente und Gedanken.
In manchen Bilderrahmen liegen Gegenstände, die scheinbar im Zusammenhang mit der Notiz stehen und vermutlich das Merken fördern.
Man weiß nichts Genaues.
In einem Bilderrahmen liegt tatsächlich vor dem kleinen Zettel ein Bücherregal mit unzähligen Büchern. „Merkwürdig,“ sagt Jackie mit Blick auf das riesige Bücherregal in dem kleinen Bilderrahmen.
Der Leopard linst derweil neugierig auf die Notiz.
Er liest laut vor:
„Alles ist bereits gleichzeitig.
Es ist, wie wenn man einen Schrank voller Bücher hat und eins rauszieht.
Darin zu lesen verändert nicht das Buch, aber es verändert mich – und auch meine Wahl des nächsten Buches.
Was ich genau lese, wie ich mich verändere und welches Buch ich wähle, steht wiederum bereits in unzähligen anderen Büchern.“
„Wenn alles gleichzeitig existiert – war ich vielleicht nie außergewöhnlich?
Ist mein Reisen nur Lesen?“ flüstert der Leopard nachdenklich.
Eisbonbonschmatzend wippt Jackie in ihren Gummistiefeln hin und her.
Es quietscht.
Sie hört auf zu wippen.
Das Quietschen verstummt.
„Du liest vielleicht“, sagt sie langsam,
„aber nicht jeder traut sich, das Buch wirklich aufzuschlagen.“
Eine kleine Pause.
„Außergewöhnlich ist nicht, dass es viele Bücher gibt.
Außergewöhnlich ist, dass du wissen willst, was drinsteht.“
Der Leopard schaut sie an.
Ein bisschen zu lange.
„Und wenn ich irgendwann genug gelesen habe?“
Jackie zuckt mit den Schultern.
„Dann bleibst du vielleicht einfach bei einem Buch.“
Eine Pause.
„Du bist in der Tat ein merkwürdiges Wesen, liebe Jackie!
Ich mag deine Merkwürdigkeit.“, schnurrt der Leopard.
„Also, ich mag es generell, wenn es merkwürdig ist.“, fügt er noch schnell hinzu.
„Magst du es auch, wenn es merkwürdig ist, liebe Jackie?“
„Oh ja“, sagt sie! „Davon kann ich dir sogar ein Lied singen. Magst du es hören?“
„Sehr gerne!“, freut er sich und legt sich in seine entspannte Lauschposition.
Schon bald stimmt er mit ein.

Hoppla, plötzlich taucht ein neuer Bilderrahmen auf. Ein kleiner eisbonbonblauer Zettel materialisiert sich langsam vor ihrer beiden Augen und in weißer Schrift steht dort:
„Ich mag es, wenn es merk-würdig ist.
Wenn aus Alltag plötzlich Bedeutung spricht.
Und ein grauer Tag sein Leuchten kriegt.“
Der Leopard liest leise mit.
Jackies Bauch beginnt zu summen.
„Frieden ist …“, sagt sie.
„… gemerkt zu werden.“
„Oh ja“, nickt der Leopard.


